23 | Christine Haidegger

Zu Christine Haidegger – neue Ausgabe von SALZ Zeitschrift für Literatur

SALZ hat SchriftstellerInnen, ArbeitskollegInnen, WegbegleiterInnen und LiteraturwissenschafterInnen eingeladen, Christine Haideggers Literatur zu beleuchten, ihren literarischen Lebensweg zu beschreiben.

Hineingestreut in die SALZ Ausgabe haben wir Zitate aus ihrem Debütroman „Zum Fenster hinaus“, die erzählen, wie man zum Schreiben kommen kann. Schade, dass dieses Buch nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist! Von Christine Haidegger können Sie außerdem einen bisher unveröffentlichten Text lesen und biografische Notizen, die zeigen, wie die Literatur ihr
Leben (mit-)bestimmt. Und lesen Sie die freundschaftlichen, poetischen und wissenschaftlichen Texte zu Christine Haidegger - Sie werden eine „Frau mit Widerspruch“ entdecken.

„SALZ 161 – Zu Christine Haidegger“ wird am 30. September 2015 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Salzburg mit Lesungen von Christine Haidegger, Gerhard Ruiss und Margit Schreiner präsentiert. Moderation: Christa Gürtler

„Mutterbrot. Vaterstaat“ ist der neueste Prosatext von Christine Haidegger über Dora, die in den „Wirtschaftswunderjahren” aufwächst.


CHRISTINE HAIDEGGER

Mutterbrot. Vaterstaat

Das Backen der Oblaten war fest in der Hand der Nonnen und einer alteingesessenen katholischen Bäckersfamilie. Außerhalb der Familie wusste ­niemand von der Großmutter, und auch die Kinder dachten längst nicht mehr über das alte Wort ­Assimilation nach. Sie buken Oblaten an den dafür vorgesehenen Tagen. So auch im März 1938.

Sieben Jahre später steht das kaum kniehohe Mädchen Dora in der winzigen Küche, eng umringt von Männern, die eine fremde Sprache sprechen, deren kälteblaue Knie aus zerlumptem, gestreiftem Drillich drängen, deren schmutzige, abgemagerte Hände wie dürre Zweige vor dem Gesicht des ­Kindes knacken, sich öffnen und schließen, sich ausstrecken in der immergleichen Gebärde, während mahlende Kiefer immer wieder das Fremdwort vom „Brot“ formen und das Kind doch weiß, dass die Mutter kein Brot hat, nur die bittere Eichel, an der man lutscht um einzuschlafen, dem ­Hunger davon.
Tee aus Früchten und Blättern wird die Mutter ­kochen für diese Männer aus dem Kazett, und in den Tee des Kindes wird sie verstohlen eine halbe Tablette Süßstoff werfen – In kleinen Schlucken – wird sie ermahnen. – Dann hält es länger –.
Heiß, bitter und süß. Aber kein Brot.

Der spätere Vater des Kindes fährt mit dem ­Fahrrad ins 20 Kilometer entfernte Gymnasium. Da ist er sechzehn.
An einem Herbsttag kommt er nachhause, nass, hungrig und müde. Der Junge geht in die Küche, wo eine fremde, rothaarige Frau auf dem Sofa sitzt. Auf dem Küchentisch steht die Brotdose, die mit dem abgewetzten Messingschloss versperrt ist, dessen Schlüssel er an dem grauen Gummiband um den Hals trägt. Unschlüssig bleibt er stehen, streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht, murmelt einen Gruß, Augen zum Schlafzimmer gerichtet, wo sein Vater vor der Schicht schläft.
 – Ich bin die Milli, – sagt die Frau. – Und du musst der Hans sein. Dein Vater ist nicht da. Aber ich schon. Und jetzt gib mir den Brotkastenschlüssel. Ich bin heute hier eingezogen. Von jetzt ab teil ich das Essen aus –.
Milli hat die Hand fordernd ausgestreckt und er zieht das ausgeleierte Gummiband aus dem Ausschnitt des Pullovers, streift es wortlos über den Kopf und legt den kleinen Schlüssel in ihre Hand, die sich weißknöchelig darüber schließt.
– Gibst du mir jetzt mein Stück Brot ? – fragt er. Auf dem Schneidebrett liegen winzige Krümel.
– Nix,– sagt Milli. – Gib mir den Wohnungsschlüssel. Bist alt genug, ich werd dich nicht durchfüttern. Kannst dein Zeug nehmen und abhauen. Ich brauch kein` unnützen Fresser da. Los, gib den Schlüssel her.–
– Mein Vater – fängt Hans an.
Wie in einem Traum belädt er sein Fahrrad, hängt sich die Gitarre um und fährt zu einem Schulfreund. Einige Zeit wird er noch versuchen, die Schule ­weiterzumachen, die Gitarre sorgt an Wochen­enden für Brot.
Der Vater steckt ihm oft heimlich etwas zu, der Ort ist klein. Über Milli will er nicht reden. – Weißt ja, wies ist, – sagt er seufzend.
Seine Frau Maria lebt seit zwei Jahren auf dem Land bei Verwandten, sie ist verwirrt im Kopf, ­vergesslich, dann wieder angriffslustig. Als der ­Vater von einem Eisenbahner erfährt, dass dunkle Busse „solche“ abholen und irgendwohin ins Reich bringen oder ins Hügelland unten nahe
der Donau, dass es Gerüchte gibt, sie würden ­eingesperrt wie Vieh und man dürfe sie nicht ­besuchen und der fallsüchtige Sohn vom Doktor Maurer sei da gleich nach drei Tagen gestorben, weiß der Vater, warum man ihm die Scheidung nahelegt. Er erzählt Hans nichts davon.
Während des ganzen Kriegs wird er Maria bei den Verwandten versteckt halten, auch Milli weiß nichts, bis Maria an einer Lungenentzündung stirbt im letzten Kriegswinter.

Im Frühjahr heiratet er Milli. Hans ist nicht verständigt worden. Abends findet er ein in Ölpapier geschlagenes Esspäckchen bei den zwei Stühlen, auf denen er dank der Kellnerin schlafen darf.
Hans, der Vater, wird nie heimkehren.
Das Mädchen Dora, sein Kind, wird drei Jahre nach Kriegsende in der Schule an der „Ausspeisung“ teilnehmen, weil es immer noch nicht genug Brot geben wird. Es hat etwas mit Amerikanern zu tun. Heißen, süßen Haferflockenbrei mit Kakao wird es bekommen, Reispudding mit Rosinen. Die Schulköchin wird fett davon. Die große viereckige ­Strudelpfanne trägt sie unter dem Arm herein, ihre Stirn glänzt schweißnass. Mit dem Schöpfer gräbt sie in den süßen Brei, klatscht ihn portionsweise in die mitgebrachten Metallteller der Kinder. Unser täglich Brot gib uns heute, sagen Katholiken und Protestanten inbrünstig in den Kirchen. Gott müsste eine große Bäckerei haben, denkt Dora. Gut, dass wenigstens die unzähligen Engel nichts zu essen brauchen in der ewigen Herrlichkeit.
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In den Sommern nach dem Krieg waren sie hamstern. Das hat mit großen Kettenhunden zu tun, langen Wegen über sanfte Hügel, mit ­Zäunen, die man nicht übersteigen darf, mit einem schweren Rucksack, der auf den Schultern wetzt. Bei den Bauern riecht es nach Küche und warm nach Kuhstall, es macht Dora schläfrig. Aber nur selten werden sie ins Haus gelassen, meist hetzt der Altbauer den Hund auf sie. „Aussteuer“, „Seidenkleid“, „tauschen“ murmelt die Mutter und sieht mit großen Augen auf die Bäuerin, die Schmalzgebäck auf den Tisch stellt für die Erntehelfer. Manchmal bekommt Dora ein paar Bissen, wenn die Bäuerin Kinder hat. Rahmsuppe mit Kartoffeln, die dürfen alle aus der gleichen Schüssel essen am unteren Ende des Tisches. Zaghaft tunkt auch die Mutter den blechernen Löffel ein.
Arbeit hat mit Essen zu tun, lernt das Kind. Die Mutter arbeitet viel, doch es gibt wenig zu essen. Bei vielen Heimarbeiten kann Dora helfen, sie hat flinke Finger und ist geduldig und genau. Während der Arbeit erzählt die Mutter von früher, vom Vater Hans, von weißem Brot, von Kuchen. Was Sattsein bedeutet, wird sie erst in ihrem zehnten Lebensjahr im Internat erfahren.
Der Speisesaal ist riesig, dreihundertsechzig ­­
Mäd­chen, Dutzende von Erzieherinnen. Dora schweigt und schaut. Langsam bewegt sich die Schlange der Mädchen in Zweierreihen voran und sie setzt sich gehorsam. Verbeulte Aluminium­kannen mit Ersatzkaffee, Rübenmarmelade in Pressglasschalen. Das dunkle Brot in den Körbchen ist vorgeschnitten, zwei Scheiben stehen ­jedem Kind zu.

– Sie müssen sich benehmen wie eine Lady – ­ermahnen die Erzieherinnen wieder und wieder. Doras Großvater hat ihr einmal erzählt, dass eine Lady früher die Frau war, die den Brotteig knetete, eine ganz wichtige Aufgabe. Es hat nichts damit zu tun, eine „feine“ Lady zu spielen, wie Milli das glaubt. Die älteren Mädchen aus Wien haben ­Russisch gelernt. Dora hört Chleb, das soll Brot ­bedeuten. Klebrig, Kleie, fällt ihr dazu ein. Wie der dünne Mehlbrei, mit dem die Mutter die alten ­Bücherrücken wieder repariert, wenn sie sich zu lösen drohen. Der Staat ist Doras Vater, er bezahlt ihr Schulstipendium, er bezahlt die winzige Witwen­rente der Mutter. Gut, dass es den Staat gibt, dieses Österreich, das nun seit diesem Jahr endlich wieder frei ist ... Aber Dora wünscht sich nach wie vor ihren dunkelhaarigen Vater zurück, den sie nur von Bildern kennt.
– Gott wird schon für uns sorgen, wenn wir das Unsere dazu tun – sagt die Mutter, um Hoffnung bemüht. Gott und der Staat also sind Doras Väter. Noch geben sie ihr das tägliche Brot.
In den Sommerferien wird Dora wieder für das große Weißwarengeschäft an der Promenade ­arbeiten. Gott wird die Lüge verzeihen, mit der die Mutter die fertige Ware dort in ihrem Namen ­abgibt. Kinderarbeit ist verboten.
Der Staat bezahlt die Witwenrente, der Staat ­gewährt die Waisenrente. Davon kann man ­
wenig Kohlen kaufen in den Wintern. Immer die Angst der Mutter, dass der Staat es erfährt, dass sie dazuverdienen muss, obwohl sie ihre Rente verlieren könnte, weil es verboten ist, wie ihr die
Arbeitgeber auch immer wieder sagen, während sie den Preis für die Werkstücke drücken. – Wir müssen doch auch essen – sagt die Mutter leise.

Es gibt ein Wirtschaftswunder und mehr Verkehr auf den Straßen, deutsche Touristenbusse kommen und parken mitten in der Stadt, die Frauen steigen aus und sagen AH und OH, wenn sie die schweren grünen Blumenkästen an den Häusern sehen, ­die vor roten Blumen strotzen. Außerdem lieben sie Heimatabende und ihre Männer erinnern sich gerne an die Zeit an der Front mit ein paar Ein­heimischen im Wirtshaus.
Franzosen kommen und fragen nach einem Friedhof in der Nähe des Sees, wo man ihre Kameraden aus dem KZ-Lager verscharrt hat. Daran kann sich keiner erinnern.
Wes Brot ich ess ...
Nach der Matura bekommt Dora für den Sommer eine Staatsstelle. Sie fährt in die Großstadt, füllt eine Menge Papiere aus. Noch ist sie nicht einundzwanzig, nicht wahlberechtigt, nicht volljährig. Der Personalchef erklärt ihr ernsthaft, dass er nun Vater- und Mutterstelle einnähme bei ihr, und sie solle sich bewähren. Dora wagt nicht zu lächeln. Männer sind nun einmal Vorgesetzte.
Als sie ins Personalbüro gerufen wird, um ihren Diensteid zu leisten, weigert sie sich.
 Vier Männer stehen um sie herum. Der Älteste trägt seit dem Krieg eine Beinprothese. Dora hat Angst, bleibt aber trotzig.
– Nicht auf diesem Papier, – wiederholt sie.
Auf dem Formular ist noch der Kaiseradler erkennbar, Zeilen sind ausgeixt, darüber der violette Stempel mit dem Hakenkreuz, die Schwurformel ... gelobe dem Führer darüber ... der Republik.
Dora unterschreibt nicht.
„Reine Sparmaßnahmen“, sagt einer der Männer, „Seien Sie nicht so“, der andere. „Das heißt doch nichts“ der Jüngste, was ihm einen zornigen Blick des Personalchefs einträgt, den er übersieht. „Wenn Sie nicht unterschreiben, können wir Sie auch nicht auszahlen, das ist Ihnen doch bewusst,“ sagt der Vorgesetzte bekümmert. „So sind die ­Vorschriften. Sie wollen doch eine gute Beamtin sein, Sie leisten doch gute Arbeit, das wissen wir doch. Tun Sie sich doch etwas Gutes, denken Sie nach, unterschreiben Sie.“
Doch, doch, doch hört Dora.
Sie schüttelt den Kopf.
Obwohl sie Angst hat.
Mein Vater, denkt sie, hat nie unterschrieben.
Arbeitslos ist er gewesen, aber der Partei ist er nicht beigetreten. Trotzdem hat er sich nicht entziehen können, haben sie ihn nach Russland geschickt,
an den Dnjepr dort bei Kriwo Rog, wo er mit den anderen aus seiner Patrouille erfroren ist.
Tage später darf sie ein provisorisches Formular unterschreiben. „Wir werden demnächst solche neuen bekommen,“ sagt der Firmenbote, der es ihr aushändigt, während es still ist im Personalbüro und alle auf ihre Schreibhand sehen.

Dora wird zwei Jahre später ihre Mutter begraben, fünf Jahre später wird sie Fremde dafür bezahlen, dass sie Millis Wohnung nach deren Tod räumen. An dem von Milli selbst bezahlten Begräbnis wird sie nicht teilnehmen, obwohl sie Sonderurlaub bekäme. Sie denkt an die verschlossene Brotdose. Sie richtet sich eine kleine Wohnung ein, hat wechselnde Freunde, die sie gern hat, aber nicht liebt. Sie schläft mit keinem der Kollegen, die alle verheiratet sind, aber „das bleibt in der Familie“ sagen, augenzwinkernd.
Mit fünfunddreißig wird Dora von einem betrunkenen Autofahrer auf dem Gehsteig niedergefahren werden.
Sie wird ein schmerzzerfressenes halbes Jahr in Krankenhäusern und Rehakliniken verbringen, während die Polizei den Autofahrer verhört, ein Gericht ihn verurteilt und seine Frau, die ein Kind erwartet, Dora Briefe schreibt, sie möge ihm verzeihen und doch an ihr Ungeborenes denken.
Dora wird den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen, sie kann ihren Beruf weiter ausüben. Sie hat keine Liebhaber mehr. Das wäre ja auch pervers, denken die Kollegen und suchen sich ihre Liebschaften zufrieden bei „Normalen“ anderswo.
Mit siebenundvierzig wird Dora in Frührente ­geschickt. Sie wehrt sich, aber umsonst. Man ­erhöht ihre Pflegestufe.
Es wird ihr an nichts mangeln, befindet der Staat.

Am Vorabend des sechsundzwanzigsten Oktober rollt Dora den Kai entlang. Sie ist müde vom Einkaufen, ihre Muskeln schmerzen, ihr Rücken ist wie ein Stück Bleirohr, in dem flüssiges Feuer brennt. Es beginnt zu nieseln und sie beeilt sich,
zu ihrem geparkten Auto zu kommen.
Vor einem Lokal stehen ein paar junge Männer und unterhalten sich unter dem Vordach. Ihre Blicke folgen abwesend der Rollstuhlfahrerin. Ihre Gespräche drehen sich um den Feiertag.
Ein älterer Mann schiebt sein Fahrrad vorbei. Sein Gang ist unstet, das Vorderrad steuert auf Dora zu. Sie versucht auf dem schmalen Gehsteig auszuweichen. „Vorsicht“, sagt sie dann doch im letzten Augenblick. „PassenS auf“ sagt auch einer der Burschen.
„Aufpassn? I? De soll aufpassn“. sagt er drohend. „Solche hats früher ned gebn, da hats a Programm gebn für solche und des gherat glei wieda eigführt, wanns nach mia gang, aba glei aa nu!“
Dora denkt daran, dass ihr Großvater seine demente Frau durch den Krieg hindurch beschützt hat. Vor diesem Programm. Vor den schwarzen Bussen, dem Schloss an der Donau. Dass ihr Vater nicht eintreten wollte in die Partei jener Programmmacher. Dass ihre Mutter eine abgearbeitete Witwe gewesen ist eben deshalb, die nie wieder ein Mann liebend in den Arm genommen hat. Die früh gestorben ­
ist, um niemandem zur Last zu fallen –  oder aus altmodischem Herzeleid, denkt sie, über all die brotlosen Jahre.
Morgen wird sich dieses Land feiern, sechzig Jahre seit dem Staatsvertrag, siebzig Jahre nach dem Kriegsende.
Der Mann mit dem Fahrrad ist höchstens 50 Jahre alt. Aufgewachsen in diesem Staat.
Dora rollt wortlos an ihm vorbei.


SALZ 161 | Zu Christine Haidegger

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