28 | SALZ – Nahaufnahmen 21

SALZ – Nahaufnahmen 21

Mit den Nahaufnahmen zoomt sich SALZ jedes Jahr ganz nah in die neueste Salzburger Literatur und in das vergangene Jahr mit all seinen PreisträgerInnen.

Die Vergabe des Großen Kunstpreises an Ilse Aichinger bietet SALZ die Gelegenheit, einen Teil der Ausgabe der großen Schriftstellerin zu widmen: Wir publizieren zwei Texte („Schnee“ und „Seegasse“) und die Würdigung „Spielarten des Verschwindens“ des Verlegers Franz Hammerbacher.

Kathrin Röggla erhielt im November 2015 den Buchpreis der Salzburger Wirtschaft – in SALZ sind die Laudatio „Schrottprämienerklärungen mit Abverkaufsvokabeln“ von Werner Michler, die Dankesrede „Angstumkehr“ und die neue Erzählung „Frühjahrstagung, Herbsttagung“ von Kathrin Röggla zu lesen.

Außerdem gibt es Gedichte von Michael Burgholzer, Boris Chrsonskij (H.C.Artmann-Stipendiat 2015), Christoph Janacs, Roswitha Klaushofer und Fritz Popp sowie die Prosaminiaturen von Rupprecht Mayer zu lesen und Romanauszüge von Marko Dinic, Laura Freudenthaler (Jahresstipendium des Landes 2015), Christian Lorenz Müller, Gudrun Seidenauer und Mercedes Spannagel, einer jungen Autorin, die erstmals in SALZ veröffentlicht.

 

... viele Gründe, SALZ in die Hand zu nehmen, zu schmökern, zu lesen und Neues zu entdecken. Entdecken kann man auch einen kleinen Ausschnitt der Bildwelt von Klaus Taschler.

www.leselampe-salz.at



„Spielarten des Verschwindens“ von Franz Hammerbacher

Noch war keines der Bücher im neu gegründeten Verlag erschienen, als ich die hoch verehrte Ilse Aichinger an einem frühen Abend im Dezember 2000 zum ersten Mal traf, um mit ihr und Richard Reichensperger sowie Simone Fässler den Plan zum Band „Kurzschlüsse“ zu besprechen, der im Herbst 2001 in der Edition Korrespondenzen erscheinen sollte.
Ilse Aichinger kam gerade aus dem Tuchlauben ­Kino ins schräg vis-à-vis gelegene Café Korb in der Wiener Innenstadt und berichtete von der miss­lichen Lage, in die sie geraten war. Der Film sei schrecklich gewesen, ein Entkommen aber nicht möglich, da ihr die Stufen in dem dunklen Kinosaal zu steil waren. Der Film hieß „3 Engel für Charlie“. Ilse Aichinger hatte irrtümlich gedacht, es handle sich um Charlie Chaplin.
Die Autorin war damals durch ihr Viennale-Tagebuch in der Tageszeitung „Der Standard“ zur bekanntesten Kinogeherin von Wien avanciert. Die beachtliche Frequenz ihrer Kinobesuche – bis zu viermal am Tag – war aber nicht nur cineastischer Leidenschaft geschuldet, vielmehr noch einem tiefer liegenden Wunsch: zu verschwinden. Der Zwischenfall im Tuchlauben Kino machte jedoch auf drastische Weise deutlich, dass einem selbst im Kino das Verschwinden verwehrt sein kann.
Wie ernst es Ilse Aichinger mit dem Verschwinden seit jeher war (und bis heute ist), und wie radikal dies auch ihre Rolle als Autorin in der Öffentlichkeit betrifft, konnte ich bei der ersten Begegnung lediglich erahnen. Ihre äußere Erscheinung war damals die eines Tramps. Während sie durch die Wiener Kaffeehäuser und Kinos vagabundierte, transportierte sie ihre Habseligkeiten stets in einem Einkaufssackerl mit sich, alles Damenhafte wie Hand­taschen lehnte sie entschieden ab. Ihre Kolumnentexte verfasste sie mit Bic-Kugelschreiber auf losen Blättern, auf Schulblöcken, Brief­um­schlägen, Rätselheften und Speisekarten. Die zuneh­mende Gebrechlichkeit des Körpers war nicht zu übersehen, der in ihm wohnende Geist aber brachte die frischeste, anarchischste Literatur ­unserer Zeit hervor.
Zum Faszinierendsten an Ilse Aichinger gehört für mich die vollkommene Abwesenheit von Eitelkeit, die ein Desinteresse an jeder Form von Auftritt und auch am Bücherveröffentlichen einschließt. Die Autorin hat öfters und teils vehement erklärt, sie habe niemals an irgendeine Redaktion ein Manuskript geschickt oder bei Zeitschriften etwas eingereicht. Und je eingehender man sich mit den Umständen befasst, unter denen ihr Werk entstanden ist und publiziert wurde, umso mehr kommt man zur Überzeugung, dass es tatsächlich zu allen Zeiten ihres Schaffens – beginnend beim ­Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) bis zum Band „Subtexte“ (2006) – eines Motivators bedurfte, der die Texte an Redaktionen und Verlage weiterreichte und Buchprojekte vorantrieb. Eine solche Funktion hatten bestimmt Ilse Aichingers Mutter (Berta Aichinger), Günter Eich, Heinz Schafroth, Richard Reichensperger, die Verlegerin Monika Schoeller und die Lektoren des S. Fischer Verlags in Frankfurt am Main sowie zuletzt die Edition Korrespondenzen in Wien. Dass auch mir die Rolle zukam, als Verleger und schließlich auch für eine schöne Weile – eine wilde Zeit – als Sekretär oder, wenn Sie so wollen, als Tippse dabei mitzu­helfen, Ilse Aichinger als Autorin nicht verschwin­den zu lassen und ein paar ihrer Bücher in die Welt zu schubsen, ist ein unermessliches Geschenk.
So sehr wir natürlich bedauern, dass Ilse Aichinger heute Abend nicht hier sein kann, muss man doch sagen, dass wegzubleiben von Kindheit an ihr größter Wunsch war und sie auch vor Preisver­leihungen immer am liebsten verschwunden wäre. Dies ist ihr heute gelungen.                 

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