25 | Irmgard Fuchs

Irmgard Fuchs ist eine jener Autorinnen und Autoren, die in der neuen Literaturschiene des Wiener Verlags Kremayr und Scheriau ihren Platz gefunden haben. Die gebürtige Salzburgerin lebt nach einem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Sprachkunst in Wien. Mit ihrem Debüt „Wir zerschneiden die Schwerkraft“ (2015) legt Irmgard Fuchs einen Erzählband vor, der Leserinnen und Lesern „Schablonen“ bieten möchte, die in der Lektüre jeweils neu gefüllt und verändert werden sollen, „Luftmaschen“, aus denen sich jeder einen eigenen Pullover häkeln kann. In den neun Erzählungen führt Fuchs immer neue Versuchsanordnungen vor: Ihre Texte erzählen Ausschnitte, Sequenzen aus den Erfahrungen und Erlebnissen verschiedener Figuren, die nicht „von A nach B“ erzählt werden – so die Autorin im Gespräch mit Literadio auf der Frankfurter Buchmesse –, sondern Möglichkeiten aufzeigen, selbst Ideen für ein glückliches Leben zu finden. Denn, so Fuchs: „Jeder hat seine dunkle Materie, jeder hat sein eigenes Universum.“ So vielfältig sich die einzelnen Texte in ihrer erzählerischen Gestaltung zeigen, tragen sie doch alle die Signatur einer bestimmten Generation: Die junge Autorin zeigt den Leserinnen und Lesern in „Burnout für Quereinsteiger“ etwa, dass eine vom Arbeitsamt verordnete Meditationsfortbildung einem Dissertanten der Komparatistik eine Lösung bieten kann, aus aufgezwungenen Mustern auszubrechen, „dass es also über mich noch nichts definitives zu sagen gibt, ich alles anders machen oder so lassen kann, wie es ist“. Mit der Leichtigkeit und Melancholie der sogenannten Generation Y, die sich zwischen ‚Überqualifikation‘, ‚Selbstoptimierung‘ und sonstigen ‚tags‘ durch das ‚leistungsorientierte‘ (Berufs-)Leben zu schlagen hat, will Irmgard Fuchs nicht unbedingt die Schwerkraft, also unabdingbare Gegebenheiten aushebeln. Vielmehr lotet dieser Erzählband in anderen Perspektiven das Verhältnis von ‚schwer‘ und ‚leicht‘ neu aus, leise und laute Befreiungsschläge vorführen, die auch Generationen vor „Y“ schon gewagt haben: „You screamed at the make-believe/Screamed at the sky/And you finally found all your courage/To let it all go.“

Irmgard Fuchs, geb. 1984 in Salzburg, lebt in Wien. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Sprachkunst. Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München 2014/15. Diverse Stipendien und Auszeichnungen, u. a. Drehbuchentwicklungspreis der Stadt Salzburg 2015, Wiener Literatur Stipendium 2013, Jahresstipendium für Literatur des Landes Salzburg 2012. Prosadebüt: Wir zerschneiden die Schwerkraft, Kremayr & Scheriau, 2015. www.imfuchs.com

Irmgard Fuchs wird am 20. November 2015 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Salzburg lesen, gemeinsam mit weiteren jungen Autorinnen. Mehr Infos zur Veranstaltung unter www.literaturhaus-salzburg.at

Burnout für Quereinsteiger

der mann sagte

„ich sehe dir an, dass sie dich auch im visier haben.
du hast da so etwas im gesicht.
so eine untröstlichkeit.
darauf zielen die.“

beim aussteigen wünschte ich ihm glück, warum weiß ich nicht, ich wünschte ihm wirklich, dass er das durchstehen würde, seinen wahn oder seine wirklichkeit, je nachdem. als er aber auch mir glück wünschte und sagte, ich solle an seine worte denken, da wurde mir ganz elend, als hätte wirklich in diesem moment etwas von mir besitz ergriffen, aber gleich wieder von mir abgelassen, weil bei mir nichts mehr zu holen ist
nichts übrig in mir, alles aufgebraucht
ein stück von mir bei gisela
ein stück von mir in meiner dissertation
ein stück liegt vielleicht noch bei herrn hermann am arbeitsamt auf seinem bürofußboden, auf dem ich wieder zu mir kam, nachdem mir beim anblick der berufsinformationsmappe – eintausendachthundert berufe – schwarz vor augen geworden und ich vom sessel gekippt war
anders schwarz als jetzt war diese dunkelheit hinter den augenlidern gewesen. dort, auf dem fußboden, war unumstößlich eine unendlichkeit in mir aufgetaucht


(Auszug, In: Wir zerschneiden die Schwerkraft. Kremayr & Scheriau, 2015. S. 154f.)


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