26 | Jochen Jung

Der österreichische und der Salzburger „Literaturbetrieb“ ist ohne Jochen Jung nicht denkbar, er kann sich gegen dieses Wort, „das viele, die dazu gehören, nicht mögen“, sträuben – Teil davon ist er allemal. Das, was den Literaturbetrieb denn auch eigentlich ausmacht, „die Mischung aus Tratsch, Konkurrenz, Ideengedränge und Liebe zum Wort“, mag er ja ohnehin. Nun schon zum sechsten Mal meldet sich der Verleger und Lektor (um nur zwei seiner „Funktionen“ im „Literaturbetrieb“ zu benennen) selbst literarisch in einem Buch im Haymon Verlag zu Wort: Nach „Ein dunkelblauer Schuhkarton. Hundert Märchen und mehr“ (2000), „Täglich Fieber“ (2003), „Venezuela“ (2005), „Das süße Messer“ (2009) und „Wolkenherz“ (2012) erschien im Herbst 2015 „Zwischen Ohlsdorf und Chaville. Die Dichter und ihr Geselle“.
In seinem neuen Buch aber steht weniger der literarische Autor als der Verleger Jochen Jung im Mittelpunkt: Als eine Art Rück- und Zusammenschau versammeln sich Anekdoten und Berichte aus einem sehr spezifischen Beruf, den Jung in einem „kleine[n], aber vollständige[n] Lexikon, den Lektor betreffend“ mittels weniger Schlagworte am Ende seines Buches pointiert und selbstironisch fasst. Autoren wie H.C. Artmann, Thomas Bernhard, Peter Handke und viele andere, die Jochen Jung verlegt hat bzw. immer noch in seinem Jung und Jung Verlag betreut, treten in den Erinnerungen Jungs als Zeugen für die „Beziehungen zu Autoren und Verlegern“ auf. Diese Beziehungen sind „im Kern heikel“: Die Freundschaft zwischen beiden Seiten kennt keine Grenzen und „gehört zum Schönsten in diesem Beruf“, ausgenommen sind dann aber doch die Grenzen des Geldes. Diese und andere „Regeln“, die die Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren durch die Jahrzehnte so produktiv machen, schöpft Jung aus der Erfahrung als Verleger. An diesen Erlebnissen, die ihn um die Welt, die nicht nur „zwischen Ohlsdorf und Chaville“ liegt, führen, lässt er in den persönlichen und humorvollen Episoden die Leserinnen und Leser teilhaben. 

Jochen Jung, geb. 1942 in Frankfurt a. M., lebt in Salzburg. 1975 bis 2000 war er im Salzburger Residenz Verlag tätig, als Lektor und später Geschäftsführer. Im Jahr 2000 gründete er den Jung und Jung  Verlag in Salzburg. Neben seiner Tätigkeit als Verleger und Lektor schreibt er für die ZEIT, die F.A.Z., die Wiener Presse und die Salzburger Nachrichten. 

Jochen Jung präsentiert am 1. 12. 2015 in der Rupertus Buchhandlung sein neues Buch „Zwischen Ohlsdorf und Chaville. Die Dichter und ihr Geselle“ (Haymon, 2015). Mehr Infos zur Veranstaltung unter www.leselampe-salz.at

25 | Irmgard Fuchs

Irmgard Fuchs ist eine jener Autorinnen und Autoren, die in der neuen Literaturschiene des Wiener Verlags Kremayr und Scheriau ihren Platz gefunden haben. Die gebürtige Salzburgerin lebt nach einem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Sprachkunst in Wien. Mit ihrem Debüt „Wir zerschneiden die Schwerkraft“ (2015) legt Irmgard Fuchs einen Erzählband vor, der Leserinnen und Lesern „Schablonen“ bieten möchte, die in der Lektüre jeweils neu gefüllt und verändert werden sollen, „Luftmaschen“, aus denen sich jeder einen eigenen Pullover häkeln kann. In den neun Erzählungen führt Fuchs immer neue Versuchsanordnungen vor: Ihre Texte erzählen Ausschnitte, Sequenzen aus den Erfahrungen und Erlebnissen verschiedener Figuren, die nicht „von A nach B“ erzählt werden – so die Autorin im Gespräch mit Literadio auf der Frankfurter Buchmesse –, sondern Möglichkeiten aufzeigen, selbst Ideen für ein glückliches Leben zu finden. Denn, so Fuchs: „Jeder hat seine dunkle Materie, jeder hat sein eigenes Universum.“ So vielfältig sich die einzelnen Texte in ihrer erzählerischen Gestaltung zeigen, tragen sie doch alle die Signatur einer bestimmten Generation: Die junge Autorin zeigt den Leserinnen und Lesern in „Burnout für Quereinsteiger“ etwa, dass eine vom Arbeitsamt verordnete Meditationsfortbildung einem Dissertanten der Komparatistik eine Lösung bieten kann, aus aufgezwungenen Mustern auszubrechen, „dass es also über mich noch nichts definitives zu sagen gibt, ich alles anders machen oder so lassen kann, wie es ist“. Mit der Leichtigkeit und Melancholie der sogenannten Generation Y, die sich zwischen ‚Überqualifikation‘, ‚Selbstoptimierung‘ und sonstigen ‚tags‘ durch das ‚leistungsorientierte‘ (Berufs-)Leben zu schlagen hat, will Irmgard Fuchs nicht unbedingt die Schwerkraft, also unabdingbare Gegebenheiten aushebeln. Vielmehr lotet dieser Erzählband in anderen Perspektiven das Verhältnis von ‚schwer‘ und ‚leicht‘ neu aus, leise und laute Befreiungsschläge vorführen, die auch Generationen vor „Y“ schon gewagt haben: „You screamed at the make-believe/Screamed at the sky/And you finally found all your courage/To let it all go.“

Irmgard Fuchs, geb. 1984 in Salzburg, lebt in Wien. Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie Sprachkunst. Stipendiatin der Drehbuchwerkstatt München 2014/15. Diverse Stipendien und Auszeichnungen, u. a. Drehbuchentwicklungspreis der Stadt Salzburg 2015, Wiener Literatur Stipendium 2013, Jahresstipendium für Literatur des Landes Salzburg 2012. Prosadebüt: Wir zerschneiden die Schwerkraft, Kremayr & Scheriau, 2015. www.imfuchs.com

Irmgard Fuchs wird am 20. November 2015 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Salzburg lesen, gemeinsam mit weiteren jungen Autorinnen. Mehr Infos zur Veranstaltung unter www.literaturhaus-salzburg.at

Burnout für Quereinsteiger

der mann sagte

„ich sehe dir an, dass sie dich auch im visier haben.
du hast da so etwas im gesicht.
so eine untröstlichkeit.
darauf zielen die.“

beim aussteigen wünschte ich ihm glück, warum weiß ich nicht, ich wünschte ihm wirklich, dass er das durchstehen würde, seinen wahn oder seine wirklichkeit, je nachdem. als er aber auch mir glück wünschte und sagte, ich solle an seine worte denken, da wurde mir ganz elend, als hätte wirklich in diesem moment etwas von mir besitz ergriffen, aber gleich wieder von mir abgelassen, weil bei mir nichts mehr zu holen ist
nichts übrig in mir, alles aufgebraucht
ein stück von mir bei gisela
ein stück von mir in meiner dissertation
ein stück liegt vielleicht noch bei herrn hermann am arbeitsamt auf seinem bürofußboden, auf dem ich wieder zu mir kam, nachdem mir beim anblick der berufsinformationsmappe – eintausendachthundert berufe – schwarz vor augen geworden und ich vom sessel gekippt war
anders schwarz als jetzt war diese dunkelheit hinter den augenlidern gewesen. dort, auf dem fußboden, war unumstößlich eine unendlichkeit in mir aufgetaucht


(Auszug, In: Wir zerschneiden die Schwerkraft. Kremayr & Scheriau, 2015. S. 154f.)


24 | Bureau du Grand Mot

Das Bureau du Grand Mot versteht sich als ein „Kunstkollektiv, das sich neben eigenen Projekten auch um die Vernetzung, Förderung und Kommunikation junger KünstlerInnen bemüht. Der Begriff ‚jung‘ steht dabei nicht für Alter und Reife, sondern für einen modernen und aufgeschlossenen Zeitgeist.“ Seit seiner Konstituierung Ende 2012 hat sich das Kollektiv dem „großem Wort“ in Kunst und Literatur verschrieben; so wurden bereits zahlreiche Projekte umgesetzt, das Profil der Arbeiten hat sich dabei stetig erweitert und differenziert. Neben zwei Anthologien (warten auf das große wort 2013, X 2014), die literarische Proben junger Autorinnen und Autoren vereinen, erscheint regelmäßig in Kooperation mit dem Bureau du Grand Mot die Literaturzeitschrift mosaik, herausgegeben von Josef Kirchner und Sarah Oswald. Als Plattform dient dem Bureau du Grand Mot seit 2014 ein Atelier im Künstlerhaus Salzburg, das den KünstlerInnen und SchriftstellerInnen rund um Marko Dinic, Katharina Kapsamer, Sarah Oswald und Peter Wetzelsberger als ein Ort dient, an dem man „werken, schaffen, diskutieren, netzwerken“ kann. Die Ergebnisse dieser Zusammenarbeit wurden u.a. 2014 beim Literaturfest Salzburg in der Performance berlin.Hanuschplatz präsentiert, die als gemeinschaftliche Produktion mit dem Berliner Kollektiv G13 entstand. Als Netzwerk für junge Literatinnen und Literaten bietet das Bureau du Grand Mot in unterschiedlichen Formaten die Möglichkeit zum Austausch und Selbsterprobung, so etwa in den Veranstaltungsreihen KulturKeule und LiteraturLetscho.
Weitere Infos finden sich auf der Homepage https://bureaudugrandmot.wordpress.com/

23 | Christine Haidegger

Zu Christine Haidegger – neue Ausgabe von SALZ Zeitschrift für Literatur

SALZ hat SchriftstellerInnen, ArbeitskollegInnen, WegbegleiterInnen und LiteraturwissenschafterInnen eingeladen, Christine Haideggers Literatur zu beleuchten, ihren literarischen Lebensweg zu beschreiben.

Hineingestreut in die SALZ Ausgabe haben wir Zitate aus ihrem Debütroman „Zum Fenster hinaus“, die erzählen, wie man zum Schreiben kommen kann. Schade, dass dieses Buch nicht mehr im Buchhandel erhältlich ist! Von Christine Haidegger können Sie außerdem einen bisher unveröffentlichten Text lesen und biografische Notizen, die zeigen, wie die Literatur ihr
Leben (mit-)bestimmt. Und lesen Sie die freundschaftlichen, poetischen und wissenschaftlichen Texte zu Christine Haidegger - Sie werden eine „Frau mit Widerspruch“ entdecken.

„SALZ 161 – Zu Christine Haidegger“ wird am 30. September 2015 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Salzburg mit Lesungen von Christine Haidegger, Gerhard Ruiss und Margit Schreiner präsentiert. Moderation: Christa Gürtler

„Mutterbrot. Vaterstaat“ ist der neueste Prosatext von Christine Haidegger über Dora, die in den „Wirtschaftswunderjahren” aufwächst.


CHRISTINE HAIDEGGER

Mutterbrot. Vaterstaat

Das Backen der Oblaten war fest in der Hand der Nonnen und einer alteingesessenen katholischen Bäckersfamilie. Außerhalb der Familie wusste ­niemand von der Großmutter, und auch die Kinder dachten längst nicht mehr über das alte Wort ­Assimilation nach. Sie buken Oblaten an den dafür vorgesehenen Tagen. So auch im März 1938.

Sieben Jahre später steht das kaum kniehohe Mädchen Dora in der winzigen Küche, eng umringt von Männern, die eine fremde Sprache sprechen, deren kälteblaue Knie aus zerlumptem, gestreiftem Drillich drängen, deren schmutzige, abgemagerte Hände wie dürre Zweige vor dem Gesicht des ­Kindes knacken, sich öffnen und schließen, sich ausstrecken in der immergleichen Gebärde, während mahlende Kiefer immer wieder das Fremdwort vom „Brot“ formen und das Kind doch weiß, dass die Mutter kein Brot hat, nur die bittere Eichel, an der man lutscht um einzuschlafen, dem ­Hunger davon.
Tee aus Früchten und Blättern wird die Mutter ­kochen für diese Männer aus dem Kazett, und in den Tee des Kindes wird sie verstohlen eine halbe Tablette Süßstoff werfen – In kleinen Schlucken – wird sie ermahnen. – Dann hält es länger –.
Heiß, bitter und süß. Aber kein Brot.

Der spätere Vater des Kindes fährt mit dem ­Fahrrad ins 20 Kilometer entfernte Gymnasium. Da ist er sechzehn.
An einem Herbsttag kommt er nachhause, nass, hungrig und müde. Der Junge geht in die Küche, wo eine fremde, rothaarige Frau auf dem Sofa sitzt. Auf dem Küchentisch steht die Brotdose, die mit dem abgewetzten Messingschloss versperrt ist, dessen Schlüssel er an dem grauen Gummiband um den Hals trägt. Unschlüssig bleibt er stehen, streicht sich die nassen Haare aus dem Gesicht, murmelt einen Gruß, Augen zum Schlafzimmer gerichtet, wo sein Vater vor der Schicht schläft.
 – Ich bin die Milli, – sagt die Frau. – Und du musst der Hans sein. Dein Vater ist nicht da. Aber ich schon. Und jetzt gib mir den Brotkastenschlüssel. Ich bin heute hier eingezogen. Von jetzt ab teil ich das Essen aus –.
Milli hat die Hand fordernd ausgestreckt und er zieht das ausgeleierte Gummiband aus dem Ausschnitt des Pullovers, streift es wortlos über den Kopf und legt den kleinen Schlüssel in ihre Hand, die sich weißknöchelig darüber schließt.
– Gibst du mir jetzt mein Stück Brot ? – fragt er. Auf dem Schneidebrett liegen winzige Krümel.
– Nix,– sagt Milli. – Gib mir den Wohnungsschlüssel. Bist alt genug, ich werd dich nicht durchfüttern. Kannst dein Zeug nehmen und abhauen. Ich brauch kein` unnützen Fresser da. Los, gib den Schlüssel her.–
– Mein Vater – fängt Hans an.
Wie in einem Traum belädt er sein Fahrrad, hängt sich die Gitarre um und fährt zu einem Schulfreund. Einige Zeit wird er noch versuchen, die Schule ­weiterzumachen, die Gitarre sorgt an Wochen­enden für Brot.
Der Vater steckt ihm oft heimlich etwas zu, der Ort ist klein. Über Milli will er nicht reden. – Weißt ja, wies ist, – sagt er seufzend.
Seine Frau Maria lebt seit zwei Jahren auf dem Land bei Verwandten, sie ist verwirrt im Kopf, ­vergesslich, dann wieder angriffslustig. Als der ­Vater von einem Eisenbahner erfährt, dass dunkle Busse „solche“ abholen und irgendwohin ins Reich bringen oder ins Hügelland unten nahe
der Donau, dass es Gerüchte gibt, sie würden ­eingesperrt wie Vieh und man dürfe sie nicht ­besuchen und der fallsüchtige Sohn vom Doktor Maurer sei da gleich nach drei Tagen gestorben, weiß der Vater, warum man ihm die Scheidung nahelegt. Er erzählt Hans nichts davon.
Während des ganzen Kriegs wird er Maria bei den Verwandten versteckt halten, auch Milli weiß nichts, bis Maria an einer Lungenentzündung stirbt im letzten Kriegswinter.

Im Frühjahr heiratet er Milli. Hans ist nicht verständigt worden. Abends findet er ein in Ölpapier geschlagenes Esspäckchen bei den zwei Stühlen, auf denen er dank der Kellnerin schlafen darf.
Hans, der Vater, wird nie heimkehren.
Das Mädchen Dora, sein Kind, wird drei Jahre nach Kriegsende in der Schule an der „Ausspeisung“ teilnehmen, weil es immer noch nicht genug Brot geben wird. Es hat etwas mit Amerikanern zu tun. Heißen, süßen Haferflockenbrei mit Kakao wird es bekommen, Reispudding mit Rosinen. Die Schulköchin wird fett davon. Die große viereckige ­Strudelpfanne trägt sie unter dem Arm herein, ihre Stirn glänzt schweißnass. Mit dem Schöpfer gräbt sie in den süßen Brei, klatscht ihn portionsweise in die mitgebrachten Metallteller der Kinder. Unser täglich Brot gib uns heute, sagen Katholiken und Protestanten inbrünstig in den Kirchen. Gott müsste eine große Bäckerei haben, denkt Dora. Gut, dass wenigstens die unzähligen Engel nichts zu essen brauchen in der ewigen Herrlichkeit.
.
In den Sommern nach dem Krieg waren sie hamstern. Das hat mit großen Kettenhunden zu tun, langen Wegen über sanfte Hügel, mit ­Zäunen, die man nicht übersteigen darf, mit einem schweren Rucksack, der auf den Schultern wetzt. Bei den Bauern riecht es nach Küche und warm nach Kuhstall, es macht Dora schläfrig. Aber nur selten werden sie ins Haus gelassen, meist hetzt der Altbauer den Hund auf sie. „Aussteuer“, „Seidenkleid“, „tauschen“ murmelt die Mutter und sieht mit großen Augen auf die Bäuerin, die Schmalzgebäck auf den Tisch stellt für die Erntehelfer. Manchmal bekommt Dora ein paar Bissen, wenn die Bäuerin Kinder hat. Rahmsuppe mit Kartoffeln, die dürfen alle aus der gleichen Schüssel essen am unteren Ende des Tisches. Zaghaft tunkt auch die Mutter den blechernen Löffel ein.
Arbeit hat mit Essen zu tun, lernt das Kind. Die Mutter arbeitet viel, doch es gibt wenig zu essen. Bei vielen Heimarbeiten kann Dora helfen, sie hat flinke Finger und ist geduldig und genau. Während der Arbeit erzählt die Mutter von früher, vom Vater Hans, von weißem Brot, von Kuchen. Was Sattsein bedeutet, wird sie erst in ihrem zehnten Lebensjahr im Internat erfahren.
Der Speisesaal ist riesig, dreihundertsechzig ­­
Mäd­chen, Dutzende von Erzieherinnen. Dora schweigt und schaut. Langsam bewegt sich die Schlange der Mädchen in Zweierreihen voran und sie setzt sich gehorsam. Verbeulte Aluminium­kannen mit Ersatzkaffee, Rübenmarmelade in Pressglasschalen. Das dunkle Brot in den Körbchen ist vorgeschnitten, zwei Scheiben stehen ­jedem Kind zu.

– Sie müssen sich benehmen wie eine Lady – ­ermahnen die Erzieherinnen wieder und wieder. Doras Großvater hat ihr einmal erzählt, dass eine Lady früher die Frau war, die den Brotteig knetete, eine ganz wichtige Aufgabe. Es hat nichts damit zu tun, eine „feine“ Lady zu spielen, wie Milli das glaubt. Die älteren Mädchen aus Wien haben ­Russisch gelernt. Dora hört Chleb, das soll Brot ­bedeuten. Klebrig, Kleie, fällt ihr dazu ein. Wie der dünne Mehlbrei, mit dem die Mutter die alten ­Bücherrücken wieder repariert, wenn sie sich zu lösen drohen. Der Staat ist Doras Vater, er bezahlt ihr Schulstipendium, er bezahlt die winzige Witwen­rente der Mutter. Gut, dass es den Staat gibt, dieses Österreich, das nun seit diesem Jahr endlich wieder frei ist ... Aber Dora wünscht sich nach wie vor ihren dunkelhaarigen Vater zurück, den sie nur von Bildern kennt.
– Gott wird schon für uns sorgen, wenn wir das Unsere dazu tun – sagt die Mutter, um Hoffnung bemüht. Gott und der Staat also sind Doras Väter. Noch geben sie ihr das tägliche Brot.
In den Sommerferien wird Dora wieder für das große Weißwarengeschäft an der Promenade ­arbeiten. Gott wird die Lüge verzeihen, mit der die Mutter die fertige Ware dort in ihrem Namen ­abgibt. Kinderarbeit ist verboten.
Der Staat bezahlt die Witwenrente, der Staat ­gewährt die Waisenrente. Davon kann man ­
wenig Kohlen kaufen in den Wintern. Immer die Angst der Mutter, dass der Staat es erfährt, dass sie dazuverdienen muss, obwohl sie ihre Rente verlieren könnte, weil es verboten ist, wie ihr die
Arbeitgeber auch immer wieder sagen, während sie den Preis für die Werkstücke drücken. – Wir müssen doch auch essen – sagt die Mutter leise.

Es gibt ein Wirtschaftswunder und mehr Verkehr auf den Straßen, deutsche Touristenbusse kommen und parken mitten in der Stadt, die Frauen steigen aus und sagen AH und OH, wenn sie die schweren grünen Blumenkästen an den Häusern sehen, ­die vor roten Blumen strotzen. Außerdem lieben sie Heimatabende und ihre Männer erinnern sich gerne an die Zeit an der Front mit ein paar Ein­heimischen im Wirtshaus.
Franzosen kommen und fragen nach einem Friedhof in der Nähe des Sees, wo man ihre Kameraden aus dem KZ-Lager verscharrt hat. Daran kann sich keiner erinnern.
Wes Brot ich ess ...
Nach der Matura bekommt Dora für den Sommer eine Staatsstelle. Sie fährt in die Großstadt, füllt eine Menge Papiere aus. Noch ist sie nicht einundzwanzig, nicht wahlberechtigt, nicht volljährig. Der Personalchef erklärt ihr ernsthaft, dass er nun Vater- und Mutterstelle einnähme bei ihr, und sie solle sich bewähren. Dora wagt nicht zu lächeln. Männer sind nun einmal Vorgesetzte.
Als sie ins Personalbüro gerufen wird, um ihren Diensteid zu leisten, weigert sie sich.
 Vier Männer stehen um sie herum. Der Älteste trägt seit dem Krieg eine Beinprothese. Dora hat Angst, bleibt aber trotzig.
– Nicht auf diesem Papier, – wiederholt sie.
Auf dem Formular ist noch der Kaiseradler erkennbar, Zeilen sind ausgeixt, darüber der violette Stempel mit dem Hakenkreuz, die Schwurformel ... gelobe dem Führer darüber ... der Republik.
Dora unterschreibt nicht.
„Reine Sparmaßnahmen“, sagt einer der Männer, „Seien Sie nicht so“, der andere. „Das heißt doch nichts“ der Jüngste, was ihm einen zornigen Blick des Personalchefs einträgt, den er übersieht. „Wenn Sie nicht unterschreiben, können wir Sie auch nicht auszahlen, das ist Ihnen doch bewusst,“ sagt der Vorgesetzte bekümmert. „So sind die ­Vorschriften. Sie wollen doch eine gute Beamtin sein, Sie leisten doch gute Arbeit, das wissen wir doch. Tun Sie sich doch etwas Gutes, denken Sie nach, unterschreiben Sie.“
Doch, doch, doch hört Dora.
Sie schüttelt den Kopf.
Obwohl sie Angst hat.
Mein Vater, denkt sie, hat nie unterschrieben.
Arbeitslos ist er gewesen, aber der Partei ist er nicht beigetreten. Trotzdem hat er sich nicht entziehen können, haben sie ihn nach Russland geschickt,
an den Dnjepr dort bei Kriwo Rog, wo er mit den anderen aus seiner Patrouille erfroren ist.
Tage später darf sie ein provisorisches Formular unterschreiben. „Wir werden demnächst solche neuen bekommen,“ sagt der Firmenbote, der es ihr aushändigt, während es still ist im Personalbüro und alle auf ihre Schreibhand sehen.

Dora wird zwei Jahre später ihre Mutter begraben, fünf Jahre später wird sie Fremde dafür bezahlen, dass sie Millis Wohnung nach deren Tod räumen. An dem von Milli selbst bezahlten Begräbnis wird sie nicht teilnehmen, obwohl sie Sonderurlaub bekäme. Sie denkt an die verschlossene Brotdose. Sie richtet sich eine kleine Wohnung ein, hat wechselnde Freunde, die sie gern hat, aber nicht liebt. Sie schläft mit keinem der Kollegen, die alle verheiratet sind, aber „das bleibt in der Familie“ sagen, augenzwinkernd.
Mit fünfunddreißig wird Dora von einem betrunkenen Autofahrer auf dem Gehsteig niedergefahren werden.
Sie wird ein schmerzzerfressenes halbes Jahr in Krankenhäusern und Rehakliniken verbringen, während die Polizei den Autofahrer verhört, ein Gericht ihn verurteilt und seine Frau, die ein Kind erwartet, Dora Briefe schreibt, sie möge ihm verzeihen und doch an ihr Ungeborenes denken.
Dora wird den Rest ihres Lebens im Rollstuhl verbringen, sie kann ihren Beruf weiter ausüben. Sie hat keine Liebhaber mehr. Das wäre ja auch pervers, denken die Kollegen und suchen sich ihre Liebschaften zufrieden bei „Normalen“ anderswo.
Mit siebenundvierzig wird Dora in Frührente ­geschickt. Sie wehrt sich, aber umsonst. Man ­erhöht ihre Pflegestufe.
Es wird ihr an nichts mangeln, befindet der Staat.

Am Vorabend des sechsundzwanzigsten Oktober rollt Dora den Kai entlang. Sie ist müde vom Einkaufen, ihre Muskeln schmerzen, ihr Rücken ist wie ein Stück Bleirohr, in dem flüssiges Feuer brennt. Es beginnt zu nieseln und sie beeilt sich,
zu ihrem geparkten Auto zu kommen.
Vor einem Lokal stehen ein paar junge Männer und unterhalten sich unter dem Vordach. Ihre Blicke folgen abwesend der Rollstuhlfahrerin. Ihre Gespräche drehen sich um den Feiertag.
Ein älterer Mann schiebt sein Fahrrad vorbei. Sein Gang ist unstet, das Vorderrad steuert auf Dora zu. Sie versucht auf dem schmalen Gehsteig auszuweichen. „Vorsicht“, sagt sie dann doch im letzten Augenblick. „PassenS auf“ sagt auch einer der Burschen.
„Aufpassn? I? De soll aufpassn“. sagt er drohend. „Solche hats früher ned gebn, da hats a Programm gebn für solche und des gherat glei wieda eigführt, wanns nach mia gang, aba glei aa nu!“
Dora denkt daran, dass ihr Großvater seine demente Frau durch den Krieg hindurch beschützt hat. Vor diesem Programm. Vor den schwarzen Bussen, dem Schloss an der Donau. Dass ihr Vater nicht eintreten wollte in die Partei jener Programmmacher. Dass ihre Mutter eine abgearbeitete Witwe gewesen ist eben deshalb, die nie wieder ein Mann liebend in den Arm genommen hat. Die früh gestorben ­
ist, um niemandem zur Last zu fallen –  oder aus altmodischem Herzeleid, denkt sie, über all die brotlosen Jahre.
Morgen wird sich dieses Land feiern, sechzig Jahre seit dem Staatsvertrag, siebzig Jahre nach dem Kriegsende.
Der Mann mit dem Fahrrad ist höchstens 50 Jahre alt. Aufgewachsen in diesem Staat.
Dora rollt wortlos an ihm vorbei.


SALZ 161 | Zu Christine Haidegger

22 | Stefan Zweig

Stefan Zweig und Salzburg

1881 in Wien geboren, wächst er als Sohn eines erfolgreichen Textilunternehmers in einer Generation von Wiener Künstlern und Intellektuellen auf, die später als die Wiener Moderne bezeichnet werden wird: „Daß etwas Neues in der Kunst sich vorbereitete, etwas, das leidenschaftlicher, problematischer, versucherischer war, als unsere Eltern und unsere Umwelt befriedigt hatte, war das eigentliche Erlebnis unserer Jugendjahre.“ (Die Welt von Gestern)

Nicht nur seine Entwicklung als Schriftsteller im Wien der Jahrhundertwende beschreibt Zweig in seiner posthum erschienenen Autobiographie Die Welt von Gestern – diese „Erinnerungen eines Europäers“, wie der Untertitel lautet, wurden zum einzigartigen kulturhistorischen Panorama Österreichs und Europas, wie es Zweig kannte, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg.

Salzburg, wo er von 1919 bis Anfang 1934 lebte, war für Zweig ein Ort der Vernetzung und Freundschaft mit Kollegen aus Kunst und Kultur, aber auch ein Ort, dem er aus politischen Gründen den Rücken kehren musste: „Alles in dieser Stadt, in diesem Land habe ich empfunden mit diesem ‚Nie wieder!‘, mit dem Bewußtsein, daß es ein Abschied war, der Abschied für immer.“ (Die Welt von Gestern)

Bevor Zweig als jüdischer Autor noch vor dem ‚Anschluss‘ Österreichs das Land verlässt, verlebt er in Salzburg produktive Jahre. So entstanden hier die historisch-biographischen Momentaufnahmen Sternstunden der Menschheit (1927) oder die Novelle Brief einer Unbekannten (1922). Der Druck durch die Nationalsozialisten und deren Einfluss auf Österreich gipfelte für den Schriftsteller in einer polizeilichen Hausdurchsuchung seines Hauses am Kapuzinerberg, die Zweig veranlasste, über London, New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien ins Exil zu gehen. 1933 wurden die Bücher Zweigs in Deutschland verbrannt, 1935 wird er in die Liste verbotener Autoren aufgenommen.

Im Exil entstanden neben seiner Autobiographie noch weitere Texte (z.B. Schachnovelle, 1942), doch litt Zweig sehr an der politischen Situation Europas. Im Februar 1942 nahmen sich er und seine Frau Charlotte in Petropolis bei Rio de Janeiro das Leben.

Salzburg und Stefan Zweig sind eng miteinander verbunden. Viele Jahre hat einer der bekanntesten Autoren der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts hier gelebt, diese Stadt aber im Unfrieden verlassen. 1881 in Wien geboren, wächst er als Sohn eines erfolgreichen Textilunternehmers in einer Generation von Wiener Künstlern und Intellektuellen auf, die später als die Wiener Moderne bezeichnet werden wird: „Daß etwas Neues in der Kunst sich vorbereitete, etwas, das leidenschaftlicher, problematischer, versucherischer war, als unsere Eltern und unsere Umwelt befriedigt hatte, war das eigentliche Erlebnis unserer Jugendjahre.“ (Die Welt von Gestern)

Nicht nur seine Entwicklung als Schriftsteller im Wien der Jahrhundertwende beschreibt Zweig in seiner posthum erschienenen Autobiographie Die Welt von Gestern – diese „Erinnerungen eines Europäers“, wie der Untertitel lautet, wurden zum einzigartigen kulturhistorischen Panorama Österreichs und Europas, wie es Zweig kannte, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg.

Salzburg, wo er von 1919 bis Anfang 1934 lebte, war für Zweig ein Ort der Vernetzung und Freundschaft mit Kollegen aus Kunst und Kultur, aber auch ein Ort, dem er aus politischen Gründen den Rücken kehren musste: „Alles in dieser Stadt, in diesem Land habe ich empfunden mit diesem ‚Nie wieder!‘, mit dem Bewußtsein, daß es ein Abschied war, der Abschied für immer.“ (Die Welt von Gestern)

Bevor Zweig als jüdischer Autor noch vor dem ‚Anschluss‘ Österreichs das Land verlässt, verlebt er in Salzburg produktive Jahre. So entstanden hier die historisch-biographischen Momentaufnahmen Sternstunden der Menschheit (1927) oder die Novelle Brief einer Unbekannten (1922). Der Druck durch die Nationalsozialisten und deren Einfluss auf Österreich gipfelte für den Schriftsteller in einer polizeilichen Hausdurchsuchung seines Hauses am Kapuzinerberg, die Zweig veranlasste, über London, New York, Argentinien und Paraguay nach Brasilien ins Exil zu gehen. 1933 wurden die Bücher Zweigs in Deutschland verbrannt, 1935 wird er in die Liste verbotener Autoren aufgenommen.

Im Exil entstanden neben seiner Autobiographie noch weitere Texte (z.B. Schachnovelle, 1942), doch litt Zweig sehr an der politischen Situation Europas. Im Februar 1942 nahmen sich er und seine Frau Charlotte in Petropolis bei Rio de Janeiro das Leben.

21 | Bettina Balàka

In der neuesten Ausgabe von SALZ Zeitschrift für Literatur zum Thema Essen lässt Bettina Balàka den kochunerfahrenen Freund der Protagonistin „am zweiten Abend nach dem positiven Schwangerschaftstest“ Semmelknödel kochen – ohne Rezept, vielmehr aus der Erinnerung an seine Mutter, die immer „nach Augenmaß“ die Knödel zubereitete. Das Ergebnis kann sich lesen lassen, hier im Anhang als pdf oder in SALZ 160, zu bestellen unter leselampe@literaturhaus-salzburg.at

1966 in Salzburg geboren, lebt Bettina Balàka als freie Schriftstellerin in Wien. Sie erhielt für ihre zahlreichen Buchveröffentlichungen, Theaterstücke und Hörspiele auch viele Stipendien und Preise, darunter den Salzburger Lyrikpreis 2006. Im Vorjahr erschien der Roman „Unter Menschen“ (Haymon Verlag), der nur scheinbar die Geschichte eines Hundelebens erzählt. Er ist zugleich ein Reigen zwischenmenschlicher Tragödien und Komödien – grandios komponiert, durchtrieben ironisch und unterhaltsam, voll überraschendem Witz und geistreicher Erkenntnis.

160In der SALZ-Ausgabe „Literatur zum Essen“ sind nach einem einleitenden Interview von Anton Thuswaldner mit Franz Schuh zu Essen als „Symbol für das Ganze“ Texte von 14 Autorinnen und Autoren versammelt: von der nichtkochenden Protagonistin aus Evelyn Grills „Pyrrhussieg“ über den „Wochenspeiseplan für Werktätige auf Hühnerfarmen“ von Rosa Pock bis zu David Wagners „Was ich so esse“. Die weiteren AutorInnen: Alois Brandstetter, Ulrike Draesner, Hans Eichhorn, Bodo Hell, Monika Helfer, Petra Nagenkögel, Karin Peschka, Jens Steiner, Linda Stift und herbert j. wimmer.

Präsentiert wird SALZ „Literatur zum Essen“ am Mittwoch, den 24. Juni 2015 um 19 Uhr im Weinarchiv des arthotels Blaue Gans (Getreidegasse 41 – 43) von Christa Gürtler, Textausschnitte werden gelesen von Christian Sattlecker. Zum Ausklingen des Abends gibt es „Weinarchiv-Antipasti“.

Eintritt frei!

20 | Peter Stephan Jungk

Peter Stephan Jungk hat etwas zu erzählen. Vor ein paar Tagen ist sein neuestes Buch „Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens” erschienen. Peter Stephan Jungk entwirft mit dieser Romanbiographie nicht nur eine Lebensbild seiner Großtante, sondern auch ein beeindruckendes Bild des 20. Jahrhunderts. Edith Tudor-Hart, geborene Suschitzky (1908 bis 1973), gelernte Kindergärtnerin und Fotografin – im englischen Exil wird sie eine der wichtigsten österreichisch-britischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts – gelang es als Kommunistin 1933 nach England zu emigrieren. Sie war entscheidend am Entstehen des sowjetischen Spionagerings Cambridge Five um Kim Philby beteiligt.

Peter Stephan Jungk entwirft ein Porträt von Edith Tudor-Hart anhand vieler Dokumente, Protokolle und Begegnungen mit Freundinnen und Freunden, seine persönlichen Eindrücke, Einschätzungen und die Zusammenhänge der politischen Wirren zeichnet er klar und bewegend.

Peter Stephan Jungk, 1952 in Santa Monica/Kalifornien als Sohn von Robert Jungk und Ruth Suschitzky geboren, wuchs in Wien, Berlin und Salzburg auf, seit 1988 lebt er als freier Schriftsteller, Übersetzer, Drehbuchautor und Filmregisseur in Paris. Er ist Autor zahlreicher Romane zahlreicher Romane, darunter „Tigor“, „Der König von Amerika“, „Die Reise über den Hudson“ und „Das elektrische Herz” sowie Drehbuchautor, Dokumentarfilmer und Übersetzer (u.a. Woody Allen und Thornton Wilder).

Am Donnerstag präsentiert Peter Stephan Jungk „Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens” (S. Fischer Verlag) in der Synagoge in Salzburg beim Literaturfest Salzburg – 16.30 Uhr, Synagoge Salzburg, Lasserstraße 8 – gemeinsam mit Barbara Honigmann, die auch mit der Lebensgeschichte von Edith Tudor-Hart verbunden ist. Barbara Honigmann stellt ihr neues Buch „Chronik meiner Straße” (Hanser Verlag) vor.

 

19 | Margarita Fuchs

Margarita Fuchs wurde 1951 in Riedau in Oberösterreich geboren, maturierte in Wels und kam nach Salzburg, um Germanistik und Geografie zu studieren. Fünfundzwanzig Jahre lang unterrichtete sie an verschiedenen Schulen. 2003 erschien ihr erster Roman „Das große Fest von Portobuffolé“. Fuchs erzählt darin von einer Frau, die nach dem Verlust der Sprache ihre Rückkehr ins Leben mit einem großen Fest feiern will. Nach diesem Debüt veröffentlichte Margarita Fuchs mehrere Lyrikbände: „Talentierte Labyrinthe“ 2005, „Ich träumte weiß“ 2006 (beide Edition Garamond) und „rokokohaus“ 2010 (Edition Tandem). Im Jahr 2007 erhielt sie den zweiten Preis des MDR-Literaturwettbewerbs, 2008 war sie Finalistin beim Meraner Lyrikpreis. Als sie im selben Jahr mit dem Rauriser Förderpreis ausgezeichnet wurde, hieß es in der Jurybegründung: „Mit sprachlicher Klarheit und fließendem Wechsel der Perspektive schildert die Autorin Empfindungen von Fremd-Sein und Selbstentfremdung. Dabei wahrt sie so viel Distanz zu ihren Figuren, dass die dem Text innewohnende Gesellschaftskritik nie oberflächlich oder aufdringlich wird.“ Zwei Jahre später erschien ein Roman von Margarita Fuchs, der an den prämierten Text anknüpfte: „Aus nächster Ferne“. Es geht darin um drei höchst unterschiedliche Frauen, die jedoch etwas gemeinsam haben – das Warten auf den Sohn in der Ferne und die Illusion, er werde eines Tages wieder da sein. Über die Werke von Margarita Fuchs liest man in Rezensionen oft, sie seien nicht laut und nicht grell, die Kritiker weisen auf die Subtilität der Salzburger Autorin hin. Ihr jüngstes Buch, „Baiana“, versammelt zehn Geschichten über Liebe und Verlust, Hoffnung und Enttäuschung (2013, Edition Tandem). Anton Thuswaldner schrieb in den Salzburger Nachrichten: „Diese Geschichten berühren die Wundmale der Existenz. Wir lesen von Heimsuchungen, für die es keinen Versuch der Erklärung gibt. Das ist einfach so, damit muss man leben.“

18 | Vladimir Vertlib

„Wenn ich jetzt sterbe, dann kann ich damit leben.“

so fulminant beginnt Vladimir Vertlib seinen neuen Roman „Lucia Binar und die russische Seele“.

Lucia Binar ist eine alte Dame mit Witz und Humor, die sich nicht unterkriegen lassen will – liebenswert und voll Energie, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Sie ist 83 Jahre alt und sie ist verärgert. Die Große Mohrengasse, in der sie seit langem lebt, soll aus Gründen der politischen Korrektheit in „Große Möhrengasse“ umgetauft werden. Und die soziale Einrichtung, die sie versorgt, hat versagt: Ihr Essen wurde nicht geliefert. Der Telefondienst ist in ein Callcenter ausgelagert, dort rät ihr eine Mitarbeiterin, sich von Manner-Schnitten zu ernähren. Lucia ist empört. Sie will die Frau aufsuchen und zur Rede stellen. Dabei hilft ihr ausgerechnet Moritz, ein Student, der die „Anti-Rassismus-Initiative Große Möhrengasse“ unterstützt.

Mit viel Humor erzählt Vladimir Vertlib in seinem Roman „Lucia Binar und die russische Seele“ ihre beeindruckende Geschichte.

Vladimir Vertlib, geboren 1966 in Leningrad, emigrierte mit fünf Jahren nach Israel, danach in die USA und über zahlreiche Umwege nach Österreich, wo er Volkswirtschaftslehre studierte und als freier Schriftsteller in Salzburg und Wien lebt. Für seine Werke wurde er unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis ausgezeichnet, zuletzt erschienen bei Deuticke „Schimons Schweigen“ (Roman, 2012) und „Lucia Binar und die russische Seele“.

17 | Meta Merz

Meta Merz / Christina Haidegger (1965 – 1989)

Die im Alter von 24 Jahren verstorbene Autorin hinterläßt in diesem Alter „schon ein Lebenswerk“ (Anton Thuswaldner).

Meta Merz, Tochter von Christine und Eberhard Haidegger, studierte u. a. Germanistik, Anglistik, Kunstgeschichte und Philosiphie. Früh beginnt sie zu schreiben, verfasst Gedichte, arbeitet fürs Theater. Nach ihrem Tod erschienen die Anthologien „erotik der distanz“ (Wiener Frauenverlag, 1990) und „metaphysik der begierde“ (Wiener Frauenverlag, 1996).

„In der kurzen Zeit, die Meta Merz bis zu ihrem frühen Tod zur Verfügung stand, arbeitete sie mit hohem Bewußtsein an einer Literatur, die ein vehementes Plädoyer gegen die Allgegenwart von Phrasen sein sollte.

Von den jungen, in Salzburg lebenden AutorInnen war sie die größte Hoffnung, ging sie doch am entschiedensten eigenen Wege, verfolgte sie doch am konsequentesten das Ziel, für Angelegenheiten, die ihr wichtig waren, eine Sprache zu finden.

Ihre Texte sind gänzlich unverbraucht, eben weil die Autorin ohne Vorwissen, wie alles enden sollte, an ihre Arbeit heranging.“ (Anton Thuswaldner, Nachwort. In: erotik der distanz, 1996).

Hier als E-Book die Titelgeschichte „erotik der distanz“.

 

Ein Erinnerungsabend anläßlich ihres 50sten Geburtstages findet am 14. April 2015 um 19.30 Uhr im Literaturhaus mit Christine Haidegger und Anton Thuswaldner statt.