37 | Marko Dinić

Noch ist er ein großes Geheimnis – dein Text, den du beim Bachmann-Preis 2016 in Klagenfurt lesen wirst. Dein Videoporträt beginnt bildmächtig, die Zuschauer werden unter Sirenengeheul an den Ort deiner Kindheit und Jugend versetzt, auf den in den 1990ern der Rest der Welt blickte. Dann der Schwenk von Serbien nach Salzburg, genauer in den Stadtteil Lehen im Jahr 2016. In deinen Essays und Kolumnen setzt du dich immer wieder kritisch mit deinen Wohn- und Schreiborten auseinander – ist Salzburg ein Ort, an dem sich etwas bewegt, trotz der viel beklagten barocken Kruste?

Absolut. Ich bin der Meinung, dass es so etwas wie einen kulturell statischen Ort nicht geben kann. Es kommt jedoch auch darauf an, wie sehr die Leute um einen offen für Eingriffe und Veränderungen sind. Als ich nach Salzburg kam, gab es nicht viel für die Art von Literatur bzw. hatten die Leute nicht viel übrig für die Art von Literaturlandschaft, die mich interessierte: junge zeitgenössische Lyrik beispielsweise, die vom etablierten Literaturbetrieb eher belächelt wird, da nicht marktkonform. Ich habe gemerkt, dass in der Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Menschen man sich die Stadt und deren Kulturlandschaft selbst zurechtlegen kann. Wenn man nur darauf wartet, dass etwas passiert, kann man lange warten. Die meisten Leute sind einfach zu faul, um das zu verändern, was ihnen nicht passt. Sie sudern lieber. In der nun fast fünfjährigen Arbeit des Bureau du Grand Mot haben wir es geschafft, vielen das Gegenteil zu beweisen, was nicht bedeutet, dass wir immer noch von den Etablierten als Amateure belächelt werden. Im Gegenteil. Uns beirrt das jedoch nicht in dem von uns eingeschlagenen Weg. Selbstverständlich gibt es auch das Gegenteil, die barocke Kruste, etwas, was Pasolini mal korrumpierte Kultur genannt hat. Freundschaftlergesellschaften gepaart mit der Arroganz des Kapitals. Ein riesiger Spielplatz für Leute mit viel Geld, die Kunst als Accessoire verstehen und dabei jegliches Maß und Verständnis verloren haben. Dieses Verständnis zielt auf die Kunst als etwas Universelles, etwas, das für alle Menschen da sein könnte. Dahingehend auch das Unverständnis der Kaufkräftigen gegenüber dem Arbeiter, Flüchtling oder Menschen mit Migrationshintergrund, die genauso ein Verständnis von Kunst oder Kultur an den Tag legen jedoch mit ganz eigenem Zugang, ganz eigener Herangehensweise. Das ist der Unwille, dem wir uns stellen, gegen den wir kämpfen müssen, der Unwille, dem anderen nur zuzuhören und von ihm oder ihr zu lernen. Leider ist es so, dass dieser Unwille in späterer Folge ganze Generationen zum Unvermögen dressiert. Einen Festspieltag, an dem Flüchtlinge oder Menschen aus den sozial schwachen Milieus sich kostenfrei eine Jedermann-Inszenierung anschauen dürfen, das wünsche ich mir.    


Dževad Karahasan hat in einem Interview einmal davon gesprochen, Sprache sei geistige Heimat. In deinem Videoporträt ist Heimat „das kleine Etwas, was jeder Heimat nennen möchte, das Nichtgewählte also. Wie bringst du diesen immer noch und immer wieder schwierigen Begriff in deinem Schreiben unter?

Indem ich ihn immer wieder hinterfrage, sei dies durch mein Schreiben oder meine Lektüre. Heimat hat für mich nicht wirklich etwas mit einer Nation oder einem Land zu tun. Es hat viel mehr mit Gemeinsamkeiten zu tun, die unter den Menschen als solchen bemerkbar sind. Heimat ist vielleicht die Möglichkeit einer Utopie, die sich in den Gesten der Großzügigkeit jedes und jeder einzelnen von uns widerspiegelt. Das bedeutet, dass Heimat etwas sehr Filigranes ist, das man besser nur betrachten und beschreiben sollte. Nur wenige können sie auch wirklich in die Hand nehmen und mit ihr hantieren, wenn überhaupt. Heimat braucht Distanz und Abgeklärtheit, sonst verkommt sie nur zu einem weiteren abgedroschenen Wort, dessen sich die PolitikerInnen bedienen können, ohne dabei rot zu werden.


2012 ist dein Lyrikband „namen:pfade“ (Edition Tandem) erschienen, du publizierst in zahlreichen Literaturzeitschriften. Neben deinen eigenen literarischen Arbeiten bist du Initiator und Mitglied mehrerer kollektiver Formationen, die Literatur und Kunst zusammenbringen. Ist der Austausch, die Grenzüberschreitung ein Gegengewicht zu deinem eigenen Schreiben?

Alles, was ich mache, hat etwas mit meinem Schreiben und Literatur zu tun. Im Grunde kann ich auch nichts anderes. Zum Astrophysiker wird’s wohl nicht mehr reichen bei mir. Ich würde auch die Literatur nicht so strikt von der Kunst trennen. Die Kunst ist untrennbar mit ihrem Handwerk verbunden, genauso sehe ich auch die Literatur. Wer das Handwerk nicht beherrscht bzw. keine Bereitschaft zeigt, sich mit dem Handwerk auseinanderzusetzen und auf die Fresse zu fallen, hat in der Kunst und in der Literatur nichts verloren. Leider sehen wir heute das absolute Gegenteil, den desaströsen Einfluss eines überproduzierenden Marktes, der es beispielsweise in Österreich geschafft  hat, die Lyrikszene auf Jahrzehnte zu verstümmeln, und das im Land von Ernst Jandl und Ilse Aichinger. Es ist wahrlich zum Kotzen! Gott sei Dank gibt es noch Verlage wie beispielsweise die Edition Korrespondenzen, die sich von diesen Tendenzen in Richtung Schablonenprosa nicht abschrecken lassen. Das wird jedoch die österreichischen LyrikerInnen nicht davon abhalten, nach Deutschland zu gehen und dort nach Lyrikverlagen zu suchen.

 

Und was kommt nach Klagenfurt?

Nach Klagenfurt kommt Belgrad, wo ich den zweiten Teil meines Romans fertigschreiben will. 


Marko Dinić, geboren 1988 in Wien, hat seine Kindheit in Belgrad verbracht und lebt heute in Salzburg, wo er neben seinem eigenen Schreiben an zahlreichen Kunst- und Kulturprojekten mitarbeitet (Bureau du Grand Mot, Interlab Festival etc.). Er studiert Germanistik und Jüdischen Kulturgeschichte in Salzburg. Seit seinem Lyrikband „namen:pfade“ (Edition Tandem, 2012) rege Publikationstätigkeit von Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften wie SALZ, Lichtungen, Kolik, JENNY, Lyrik von Jetzt 3.

36 | Andres Müry

Vierteilig ist auch jedes Plot der Erzählungen: Vier männliche „Kulturschaffende“ (ein Modefotograf, ein als „Tatort“-Kommissar reüssierender Bühnenschauspieler, ein Kulturjournalist und ein gescheiterter Schriftsteller, der in der Schweizer Botschaft in Wien gelandet ist), eine gescheiterte Liebe und ein (knapp verhinderter) Todesfall, das alles in oder auf der Reise durch Österreich. In knapper Form mischt Andres Müry die Karten in jeder Story neu, fügt die Erzählbausteine gekonnt zu beziehungsreichen Geschichten, mit dem Blick durchs Schlüsselloch hat man für einen wenigen Seiten langen Augenblick teil an längst vergessen geglaubten Liebesschicksalen. 

Wie nebenbei verhandeln die kurzen Texte die großen Fragen des Lebens und der Literatur, ohne dabei in Kitsch oder Trash abzurutschen: Liebe, Vergänglichkeit, Schicksal - doch bleiben die Protagonisten bemerkenswert ungerührt von ihren Taten und den Umständen. Der Modefotograf Volker trifft auf eine Studienkollegin, mit der ihn ein schrecklicher Unfall in ihrer gemeinsamen Jugend verbindet und mit der er eine Affäre hatte, er sucht sie nach Jahrzehnten, durch eine Zufälligkeit dazu bewegt, in ihrem Atelier auf - und zieht tatenlos davon. Die Stimmung der Stories von Andres Müry sind bei aller unterhaltsamer Prägnanz von morbider Melancholie und einem Gefühl der Vergeblichkeit geprägt, die Akteure - mit Ausnahme des gewaltbereiten Schauspielers Harry Glück - lassen geschehen und verstricken sich mehr und mehr in das eigene und fremde Fatum zufälliger Bekannter. Die ihn einholende Vergangenheit bringt den Diplomaten Max keineswegs dazu, sich seiner eben erst gefundenen Tochter als ihr Vater zu erkennen zu geben. Darin liegt der besondere Suspense der Erzählungen in „Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel“: In dem Moment, wo Taten den Fortlauf der Geschehnisse beeinflussen könnten, wenden sich der Erzähler und seine Figuren ab, das weitere Schicksal muss Leerstelle bleiben. 


Andres Müry, geboren 1948 in Basel, lebt seit 20 Jahren in Salzburg. Er arbeitete nach seinem Studium der Theaterwissenschaft und Soziologie als Dramaturg an deutschen Bühnen, Übersetzer, Kulturjournalist und Theaterkritiker und verfasste zahlreiche Texte zu den Salzburger Festspielen, u.a. den Essay „Jedermann darf nicht sterben. Geschichte eines Salzburger Kults“ (2001). „Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel“ (weissbooks 2016) ist sein erstes Prosabuch.

35 | Bettina Balàka

In ihrem Roman möchte Bettina Balàka Geschlechterklischees des Krimigenres untergraben. Die Leserinnen und Leser blicken der Männer mordenden, in Wien ansässigen Restaurantbesitzerin Elisabetta Zorzi über die Schulter, von Anfang an beobachtet man sie bei ihren Taten und gerät so in die spannungsvollge Lage, an der Perspektive der Täterin teilzuhaben und Verständnis zu empfinden, gleichzeitig natürlich ihre baldige Verhaftung zu wünschen. Diese Festnahme ist im Stile des „Howcatchem“ das eigentliche Ziel und soll mit Hilfe des Kriminalpsychologen Arnold Körber vonstatten gehen. Auch der Kriminalpsychologe darf nicht dem Krimiserien-Mainstream entspringen, vielmehr tritt er als vermeintlicher Underdog auf, tätowiert und Metal-Shirts tragend, gleichzeitig aber erfolgreicher Autor populärwissenschaftlicher Studien zu Mördern und ihren Motiven. Der anfechtbare Wissenschaftler als Thema, ausgehend von der Idee, dass das Phänomen des Mörder-Groupies nicht unbedingt geschlechter-, nämlich frauenspezifisch sein muss. Nachdem Arnold Zorzi in ihrer Küche überführen konnte und sie die drei Morde an ihren Lebensgefährten gestanden hat, wird die gutaussehende, kultivierte Mörderin inhaftiert. In weiteren Einzelgesprächen muss nun der Psychologe, der doch eigentlich die Psyche und den modus operandi Zorzis genau studiert hat, der Mörderin erliegen. Er besucht sie immer öfter und schließlich kann ein Langzeitbesuch in einem mehr oder weniger romantischen Wohnraum im Gefängnis eingefädelt werden. Diese romantische Verbindung scheint noch ein weiteres Männerleben zu gefährden...

Bettina Balàka, geboren 1966 in Salzburg, lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien. Bisher sind von ihr u.a. der Erzählband Auf offenem Meer (2010) und die Romane Kassiopeia (2012) und Unter Menschen (2014) erschienen. 

34 | Anna Mitgutsch

Geschichte und Erinnerung an unaussprechliche historische Ereignisse bilden sich in den intimsten Schichten unserer Gesellschaft ab: In diesem Roman bleibt die Historikerin keine objektive, unnahbare Außenstehende, sondern sie ist selbst die Tochter eines möglichen Täters, die in einer unlösbar verstrickten, krisenvollen Beziehung zu ihrem Vater steht. Vor dem Beziehungsgeflecht zwischen enttäuschter, misstrauischer Tochter, zweiter, herrschsüchtiger, vormals lebenslustiger Ehefrau und der kaum Deutsch sprechenden, illegalen Pflegerin entwickelt die Autorin die Konturen großer Fragen: Kann man ein Leben nach den schrecklichen Geschehnissen des Nationalsozialismus führen, als Opfer, Täter oder Nachkomme? Wie kann man sich für immer verlorener Erinnerung stellen? Kann sich die eigene Identität nur in Abhängigeit der eigenen Vorfahren und Familie verstehen? Im Gegensatz zu den Figuren Theo, seiner Tochter Frieda, seiner Ehefrau Berta und der Pflegerin und Haushaltshilfe Ludmila liegt es nicht an der Erzählstimme, zu urteilen - die Figuren übernehmen das bereitwillig selbst, der Leser/die Leserin darf immer wieder in die Schuhe Theos oder Friedas schlüpfen und Partei ergreifen. Dass sich für Anna Mitgutsch Erinnerung und Identitätsfindung jeweils bedingen, hat sie schon in ihren zahlreichen früheren Romanen gezeigt (u.a. „In fremden Städten“ 1992, „Abschied von Jerusalem“ 1995, „Haus der Kindheit“ 2000, „Familienfest“ 2003, „Zwei Leben und ein Tag“ 2007, „Die Welt, die Rätsel bleibt“ 2013).

Für Frieda stellt sich die existenzielle Frage nach der eigenen Identität: „Sind wir alle die Kinder von Mördern?“ (400) Das Problem, das der Roman umkreist, ist das der Kommunikation, der Mitteilung existenzieller Zweifel und Anklagen: Denn eben diese Frage, wessen Kind sie sei, konnte und kann Frieda seit ihrer Jugend mit ihrem Vater nicht klären. Das Motiv der Sprachlosigkeit durchzieht den Text, misslingende Kommunikation ist körperlich bedingt nach Theos Schlaganfall oder resultiert aus der emotional belasteten Familienkonstellation: Theo, der mit seiner zweiten Frau Berta ein lang ersehntes Leben zu zweit führen kann, lässt seine achtzehnjährige Tochter Frieda ziehen, die die Ehe zu bedrohen beginnt - Neid, Missgunst, Trauer und Enttäuschung prägen die Familie. Die einzige Person, der Theo Dinge anvertrauen kann, ist die Pflegerin Ludmila - gerade weil sie kaum Deutsch spricht und vieles aus Theos Erzählungen bloß erraten kann, fühlt er sich verstanden.

Die Suche nach Erinnerungsspuren findet ihre Fortsetzung, als sich Frieda mit ihrem engen Jugendfreund Edgar in die Ukraine aufmacht, um die von Berta aus dem Haus geekelte Pflegerin Ludmila im Auftrag des verzweifelten Vaters zurückzuholen. Ganz im Sinne der vielbesungenen „sprachlichen Mitgutsch-Magie“ (Gunther Neumann, Die Presse) wird die Unternehmung eine Reise in ein Land, das ebenso vom Schweigen geprägt ist - dem Schweigen der Bewohner und der Landschaft: „Hätte ich die Landschaft anders wahrgenommen, wenn ich es nicht wüsste? Lagerte sich die Grausamkeit der Geschichte in einer Landschaft ab?“
Warten am Ende der Lebensgeschichte ihres Vaters nicht die Antworten auf die Tochter, die sie sich von ihrer Reise in die Landschaft eines Krieges erwartet hat, bleibt es in Anna Mitgutschs Roman nicht bei einer Entfremdung der Generationen - vielmehr will er eben das bieten, was sein Titel verspricht: Eine Annäherung.

Anna Mitgutsch, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Solothurner Literaturpreis und den Würdigungspreis (Staatspreis) für Literatur der Republik Österreich. Seit den siebziger Jahren arbeitet sie als Übersetzerin und publizierte zahlreiche Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. 


Anna Mitgutsch wurde im Jahr 2015 das Ehrendoktorat der Universität Salzburg verliehen. Sie wird ihren aktuellen Roman „Die Annäherung“ (Luchterhand 2015) im Rahmen des Symposiums „Versuche über das Fremdsein. Zum Werk von Anna Mitgutsch“ am 28. April in der Bibliotheksaula präsentieren.

33 | Johannes Witek

In deinem (leider vergriffenen) Roman „Voltaires Arschbacken“ (Chaotic Revelry Verlag, 2013) präsentierst du ein provinzielles „Sodom und Gomorrha“ (Markus Köhle, DUM), ein Crossover aus David Schalko und Thomas Bernhard: Der alternde Künstler, der wie Bernhards Protagonist Reger die gesamte Kulturgeschichte vernichtet, lebt zwar nicht in Braunschlag, auch nicht in Ohlsdorf, aber in Bad Subenzipfel. Dort findet ihn der Journalist Peternella, um das Jahrhundertdrama des alternden, grantigen Schriftstellers Peter zu entdecken und bekannt zu machen. Der Kampf mit dem Werk – ein Thema das dich interessiert?

Die Auseinandersetzung Künstler/Künstlerin – Werk ist immer spannend. Der Impuls für „Voltaires Arschbacken“ war aber eher die Figur des komplett wahnsinnigen Misanthropen selbst. Während eines relativ öden Jobs hatte ich viel Zeit und hab tagelang Interviews von berühmten KünstlerInnen gelesen. Handke, Bernhard, Jelinek usw. Dann noch eine Art Homestory über Botho Strauß, wo ihn eine Reporterin in seinem von der Außenwelt abgeschiedenen Haus in der Uckermark besucht.

Dabei ist mir aufgefallen, dass, so eigenständig und originell diese Künstler und Künstlerinnen auch in ihrer jeweiligen Kunstsparte sind, die Stilisierung der Figur des/der Künstlers/Künstlerin als „AußenseiterIn am Rande der Gesellschaft“ immer im Prinzip dieselbe war. Daraus ist wie von selbst die Idee entstanden: Was, wenn da in der Pampa einer hockt, komplett irre, und seit Jahrzehnten an einem monströsen Werk herumschraubt. Und was, wenn dann aber in derselben Pampa ein zweiter Typ hockt, der genau so irre ist?

Die logische Antwort war: die beiden müssten sich sofort hassen. Weil sie einander den Platz wegnehmen. Weniger den geografischen Platz, sondern den Platz dieser Figur des Künstlers/der Künstlerin am Rande der Gesellschaft“.

 

Markus Köhle fasste im DUM (Das ultimative Magazin) „Voltaires Arschbacken“ zusammen: „Provinz at it’s best“ – wo bist du aufgewachsen?

Inneres Salzkammergut, Baby.

 

Deine Gedichte, die auf pingeb.org nachzulesen sind, schlagen immer wieder auch ruhigere Töne an, aber auch hier geht es um den Künstler, sein Tun und Schaffen und seine Anerkennung vor dem Publikum („Leer ohne die Trompete“) und das alles ist der Vergänglichkeit ausgesetzt – sind Tragik und Komik zwei Seiten einer Medaille für Künstler?

Bestimmt. Nicht nur für Künstler, für alle Menschen.

„Leer ohne die Trompete“ hat Chet Baker als Inspiration. Wie wir alten Jazz-Freaks wissen, war Chet Baker nicht nur einer der genialsten Jazztrompeter aller Zeiten, sondern ihm wurden auch 1966 bei einem missglückten Drogendeal die Zähne ausgeschlagen. Für einen Trompeter ungefähr das Äquivalent zu einem Konzertpianisten, dem man alle Finger bricht. Danach hat er – so die Legende – als Tankwart gearbeitet während er mit einem künstlichen Gebiss das Trompetespielen wieder komplett neu lernen musste. 1988 ist er dann gestorben, durch einen Sturz aus einem Hotelfenster.

Chet Baker war einer der seltenen Menschen, bei denen sich das Gesicht immer mehr seinem Werk angeglichen hat, je älter er wurde. Irgendwann war dann alles ein Kunstwerk: Leben, Werk, Gesicht. Im Prinzip war Chet Baker ein einziges herumlaufendes Gedicht, aus meiner Perspektive.

Und das ist natürlich super für mich, weil da muss ich fast nichts mehr machen. Ich kann mich einfach zurücklehnen und sagen: Schaut hin. Dort ist die Action.

 

In dem Gedicht „Tage des Grases“ wird nicht der fliegenumschwirrte Schweinekopf verehrt, sondern das Gras, das sprichwörtlich über alles wächst und die Macht übernimmt. Die letzte Zeile lautet „Wir sind uns sicher“ – ist unsere Gesellschaft von irrationalen, aber machtvollen Vorstellungen, denen sie sich verschreibt, bedroht?

Ich glaube eher, unsere Gesellschaft wird von unserer Gesellschaft bedroht. Inhärent. Der Mensch ist des Menschen Wolf usw. Wie im „Herr der Fliegen“: Die Kinder werden am Ende vor sich selbst gerettet, von den Erwachsenen. Aber wer rettet am Ende die Erwachsenen vor sich selbst? Niemand. Der Untergang ist nahe. Es gibt kein Entkommen. Alles aus.

Nur ICH habe die Lösung: Ich kann an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber es hat mit einem goldenen UFO zu tun, das kommen und uns alle holen wird. Wenn Sie auch in das UFO möchten, meine Damen und Herren an den Bildschirmen, dann lösen Sie sich innerlich schon mal von allem irdischen Besitz und überweisen Sie  als ersten Schritt dazu bitte 500 Euro auf folgendes Konto:  

 

Johannes Witek, geboren 1981. Lebt in Salzburg. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien und „Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte. Gedichte und Prosa“ (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2009), „Gebete an den Alligator und die Klimaanlage. Schon wieder Gedichte und Prosa (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2011), „Voltaires Arschbacken. Endlich ein Roman (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2013), „Wenn alle Sängerknaben der Welt das hohe C singen, muss ich mir in den Kopf schießen“ (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2014)

32 | Carlos Peter Reinelt

Carlos Peter Reinelt ist 1994 in Lustenau geboren, er studiert Germanistik, Psychologie und Philosophie in Salzburg, schreibt v.a. Lyrik und Prosa und arbeitet zurzeit an einem Generationen-Roman, der in seiner ­Vorarlberger Heimat angesiedelt ist. Publizierte bislang einen Essay über Wittgenstein, seinen Siegertext bei der Vorarlberger Philosophie-Olympiade (2012), sowie „Eine universale Enttäuschung“, ein Interview mit sich selbst in der uni:press Salzburg (2015).

„Die Dramatik von ,Willkommen und Abschied‘ vermittelt sich inhaltlich und formal überzeugend. Der Text widmet sich mutig und respektvoll dem Thema Flucht aus mörderischen Verhältnissen und macht die unmenschliche Realität des Weges nach Europa sichtbar, indem er die Leser in die entsetz­liche Spannung zwischen erhoffter Rettung und auswegloser Situation in einem Schlepper-LKW hinein versetzt. Dieser Text unternimmt das Wagnis, kaum Vermittelbares mit den Mitteln der visuellen Poesie und Textbildüberschreitungen darzustellen.“ (aus der Laudatio von Thorsten Ahrend)

31 | Christoph Janacs

In seinem neuen Band „Kains Mal. Gedichte und Marginalien“ (Verlag Berger, 2016) haben wir Teil an Christoph Janacs’ Dekonstruktion persönlicher Glaubensvorstellungen. Damit wird den Leserinnen und Lesern sicherlich kein leichtes Stück Lektüre vorgelegt, vielmehr fordern die Texte zu existenzieller Kritik heraus. Was in Literatur, Philosophie, Theologie, Kunst und allen anderen Kompensationsformen der westlichen Kulturgeschichte nicht Platz hat, könnte auch in den Miniaturen von Christoph Janacs nur jede Form und Grenze sprengen. Mit Heinrich von Kleist, Jean Paul, Augustinus, Samuel Beckett, Peter Handke und vielen anderen auf den Fahnen bleibt das intellektuelle Streitgespräch mit einer (in diesem Fall alttestamentarisch-christlichen) Gottesfigur auch heute aktuell.  In Zeiten, in denen Kriege und Gewalttaten unter religiösem Vorwand angezettelt werden, kann es die Aufgabe der Literatur sein, durch Tradition und auch durch Kunst eingeschliffene Vorstellungen und Formen aufzubrechen.

Christoph Janacs, geboren 1955 in Linz/OÖ, lebt und arbeitet als Schriftsteller und Übersetzer in Niederalm/Salzburg. Neben Lehraufträgen an der Universität Salzburg leitet Janacs Schreibwerkstätten und ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV).

Am Donnerstag, 17.3.2016 liest Christoph Janacs um 19.30 Uhr im Literaturhaus Salzburg gemeinsam mit den Lyrikern Regina Hilber und Jopa Jotakin aus neuen Büchern. 

30 | Christine Haidegger

Nach einem ersten Gedichtband, "Entzauberte Gesichte" (Bläschke Verlag, 1976), lässt sich Christine Haidegger in diesem Roman auf eine ganz andere Subjektivität ein, die auch lyrische Töne anschlagen kann: An den Duktus von "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger oder "Das Kind" von Christine Lavant anknüpfend, erschließt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegszeit in der oberösterreichischen Provinz aus der Perspektive der zu Beginn etwa zweijährigen Irene. Diese nur vordergründig naive Sicht auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände der österreichischen Nachkiegszeit verändert und entwickelt sich und lässt Leser und Leserin an dieser Entwicklung teilhaben. Umso mehr das Ich sich aus seiner kindlichen Wahrnehmung herauslöst, umso deutlicher treten die sozialen Abgründe zutage. Anfangs noch in das Unverständnis häufig mitgehörter und -gesagter, opaker Wörter verstrickt (grafisch kenntlich gemachte "KAZETTLER" etwa), wird sich die aufmerksame und kluge Irene ihrer Umwelt mehr bewusst und kann so auch die soziale Tragödie der Biografie ihrer Mutter und vieler anderer (man denkt etwa an Maria Handke in "Wunschloses Unglück") erstmals fassen: "Immer stelle ich Fragen. Mein ganzes Denken in letzter Zeit ist Fragenstellen - aber vieles kann ich mir nicht beantworten, oder doch nicht so, daß ich ehrlich zufrieden damit wäre. Warum müssen es Menschen wie meine Mutter so schwer haben, frage ich oft. Was haben sie getan, daß sie so leben wie sie leben und nicht leichter und besser? Was zwingt Mama, so hart zu arbeiten und nicht einfach den leichteren Weg zu wählen und zu heiraten?" (S. 155) Eine von Gewalt und Verdrängung geprägte Frauenbiographie, die Erfahrungen eines Kindes der Nachkriegsgeneration - Christine Haidegger rührt mit feinem Sensorium für soziale Prozesse und deren sprachliche Verfestigung an heikle Themen der österreichischen und ihrer eigenen Geschichte.

Christine Haidegger, 1942 in Dortmund geboren und in Oberösterreich aufgewachsen, ist ein Fixpunkt in der Salzburger Literaturszene seit den frühen 1970er Jahren. Sie gründete die Autorengruppe "Projekt-IL" und eine gleichnamige Literaturzeitschrift, in der etwa Ludwig Laher, Erwin Einzinger oder Rudolf Habringer publizierten. Heute leitet sie die "Grazer Autorinnen Autorenversammlung - Salzburg" mit Sitz im Literaturhaus Salzburg. Ihr Debütroman "Zum Fenster hinaus" (Rowohlt, 1979) wurde ein Publikumserfolg. Neben Gedichtenbänden entstanden Texte inspiriert von zahlreichen Amerika-Aufenthalten, so etwa "Cajuns, Cola, Cadillac. American Sightseeing" (Milena Verlag, 1997). Derzeit arbeitet Christine Haidegger an einem neuen Lyrikband.

Christine Haidegger wird am Sonntag, den 28.2.2016 um 11 Uhr im Literaturhaus Salzburg ihren Roman präsentieren.


29 | Hanna Sukare – Rauriser Literaturpreis 2016

Matthias und Adele, erwachsene Geschwister, lassen sich von ihrer religiösen Erziehung nichts anmerken. Die Beiden geben in ihrem Alltag vor, nichts mit ihren Eltern zu tun zu haben, doch ihre Kindheit, geprägt von Gewalt und Schweigen beschäftigt sie noch immer. Der Tod der Mutter wird für sie zur Zäsur. Matthias zieht sich zurück und für Adele beginnt eine Suche nach der eigenen Identität.

Neben einer Erzählerin berichten vier Frauen über Matthias Röhricht und seine Herkunftsfamilie. Sie weiten die Geschichte von Matthias und Adele zu einer Geschichte der Schmerzpunkte des 20. Jahrhunderts. Krieg, Rassismus, Flucht und Vertreibung melden sich in den Nachgeborenen in Form von Unruhe, seelischer Erstarrung oder Phantomschmerz. „Dem Roman, aus mehreren Perspektiven erzählt, ist eine Zwangsläufigkeit des Scheiterns und der Vergeblichkeit eingeschrieben. Ein ausgesprochen ungemütliches Debüt“ . (Anton Thuswaldner, Buchkultur)

Hanna Sukare, geb. 1957 in Freiburg im Breisgau, wuchs in der Breisgauer Bucht und in Heidelberg auf. Seit ihrer Jugend lebt sie meist in Wien. Sie studierte Germanistik, Rechtswissenschaften und Ethnologie. Seit 2001 ist sie als freie Autorin tätig. Zuletzt erschien „Staubzunge“ 2015 im Otto Müller Verlag.


Hanna Sukare erhält den Rauriser Literaturpreis bei der Eröffnung der Rauriser Literaturtage am Mittwoch, 30. 3. 2016 im Rauris.
Am 23. 2. 2016 liest Hanna Sukare schon auf Einladung des Literaturforums Leselampe um 19.30 Uhr im Literaturhaus Salzburg. Moderation: Anton Thuswaldner


 

Rupertus Buchhandlung

28 | SALZ – Nahaufnahmen 21

SALZ – Nahaufnahmen 21

Mit den Nahaufnahmen zoomt sich SALZ jedes Jahr ganz nah in die neueste Salzburger Literatur und in das vergangene Jahr mit all seinen PreisträgerInnen.

Die Vergabe des Großen Kunstpreises an Ilse Aichinger bietet SALZ die Gelegenheit, einen Teil der Ausgabe der großen Schriftstellerin zu widmen: Wir publizieren zwei Texte („Schnee“ und „Seegasse“) und die Würdigung „Spielarten des Verschwindens“ des Verlegers Franz Hammerbacher.

Kathrin Röggla erhielt im November 2015 den Buchpreis der Salzburger Wirtschaft – in SALZ sind die Laudatio „Schrottprämienerklärungen mit Abverkaufsvokabeln“ von Werner Michler, die Dankesrede „Angstumkehr“ und die neue Erzählung „Frühjahrstagung, Herbsttagung“ von Kathrin Röggla zu lesen.

Außerdem gibt es Gedichte von Michael Burgholzer, Boris Chrsonskij (H.C.Artmann-Stipendiat 2015), Christoph Janacs, Roswitha Klaushofer und Fritz Popp sowie die Prosaminiaturen von Rupprecht Mayer zu lesen und Romanauszüge von Marko Dinic, Laura Freudenthaler (Jahresstipendium des Landes 2015), Christian Lorenz Müller, Gudrun Seidenauer und Mercedes Spannagel, einer jungen Autorin, die erstmals in SALZ veröffentlicht.

 

... viele Gründe, SALZ in die Hand zu nehmen, zu schmökern, zu lesen und Neues zu entdecken. Entdecken kann man auch einen kleinen Ausschnitt der Bildwelt von Klaus Taschler.

www.leselampe-salz.at



„Spielarten des Verschwindens“ von Franz Hammerbacher

Noch war keines der Bücher im neu gegründeten Verlag erschienen, als ich die hoch verehrte Ilse Aichinger an einem frühen Abend im Dezember 2000 zum ersten Mal traf, um mit ihr und Richard Reichensperger sowie Simone Fässler den Plan zum Band „Kurzschlüsse“ zu besprechen, der im Herbst 2001 in der Edition Korrespondenzen erscheinen sollte.
Ilse Aichinger kam gerade aus dem Tuchlauben ­Kino ins schräg vis-à-vis gelegene Café Korb in der Wiener Innenstadt und berichtete von der miss­lichen Lage, in die sie geraten war. Der Film sei schrecklich gewesen, ein Entkommen aber nicht möglich, da ihr die Stufen in dem dunklen Kinosaal zu steil waren. Der Film hieß „3 Engel für Charlie“. Ilse Aichinger hatte irrtümlich gedacht, es handle sich um Charlie Chaplin.
Die Autorin war damals durch ihr Viennale-Tagebuch in der Tageszeitung „Der Standard“ zur bekanntesten Kinogeherin von Wien avanciert. Die beachtliche Frequenz ihrer Kinobesuche – bis zu viermal am Tag – war aber nicht nur cineastischer Leidenschaft geschuldet, vielmehr noch einem tiefer liegenden Wunsch: zu verschwinden. Der Zwischenfall im Tuchlauben Kino machte jedoch auf drastische Weise deutlich, dass einem selbst im Kino das Verschwinden verwehrt sein kann.
Wie ernst es Ilse Aichinger mit dem Verschwinden seit jeher war (und bis heute ist), und wie radikal dies auch ihre Rolle als Autorin in der Öffentlichkeit betrifft, konnte ich bei der ersten Begegnung lediglich erahnen. Ihre äußere Erscheinung war damals die eines Tramps. Während sie durch die Wiener Kaffeehäuser und Kinos vagabundierte, transportierte sie ihre Habseligkeiten stets in einem Einkaufssackerl mit sich, alles Damenhafte wie Hand­taschen lehnte sie entschieden ab. Ihre Kolumnentexte verfasste sie mit Bic-Kugelschreiber auf losen Blättern, auf Schulblöcken, Brief­um­schlägen, Rätselheften und Speisekarten. Die zuneh­mende Gebrechlichkeit des Körpers war nicht zu übersehen, der in ihm wohnende Geist aber brachte die frischeste, anarchischste Literatur ­unserer Zeit hervor.
Zum Faszinierendsten an Ilse Aichinger gehört für mich die vollkommene Abwesenheit von Eitelkeit, die ein Desinteresse an jeder Form von Auftritt und auch am Bücherveröffentlichen einschließt. Die Autorin hat öfters und teils vehement erklärt, sie habe niemals an irgendeine Redaktion ein Manuskript geschickt oder bei Zeitschriften etwas eingereicht. Und je eingehender man sich mit den Umständen befasst, unter denen ihr Werk entstanden ist und publiziert wurde, umso mehr kommt man zur Überzeugung, dass es tatsächlich zu allen Zeiten ihres Schaffens – beginnend beim ­Roman „Die größere Hoffnung“ (1948) bis zum Band „Subtexte“ (2006) – eines Motivators bedurfte, der die Texte an Redaktionen und Verlage weiterreichte und Buchprojekte vorantrieb. Eine solche Funktion hatten bestimmt Ilse Aichingers Mutter (Berta Aichinger), Günter Eich, Heinz Schafroth, Richard Reichensperger, die Verlegerin Monika Schoeller und die Lektoren des S. Fischer Verlags in Frankfurt am Main sowie zuletzt die Edition Korrespondenzen in Wien. Dass auch mir die Rolle zukam, als Verleger und schließlich auch für eine schöne Weile – eine wilde Zeit – als Sekretär oder, wenn Sie so wollen, als Tippse dabei mitzu­helfen, Ilse Aichinger als Autorin nicht verschwin­den zu lassen und ein paar ihrer Bücher in die Welt zu schubsen, ist ein unermessliches Geschenk.
So sehr wir natürlich bedauern, dass Ilse Aichinger heute Abend nicht hier sein kann, muss man doch sagen, dass wegzubleiben von Kindheit an ihr größter Wunsch war und sie auch vor Preisver­leihungen immer am liebsten verschwunden wäre. Dies ist ihr heute gelungen.