43 | SALZ Nahaufnahmen 22


Elke Laznias Zyklus mit dem Titel „brauchst dann gar nicht kommen“ fiel mir schon bei der ersten Durchsicht der Einreichungen auf. In diesen Texten spricht eine höchst ungewöhnliche Stimme, und ich muss zugeben, diese Stimme beunruhigte mich. Sie hat etwas Unheimliches im wahrsten Sinne des Wortes: Sie deckt etwas Heimliches, etwas geheim Gehaltenes auf, ohne ihm jedoch das Geheimnis zu entreißen. Das ist ein Wider- spruch, gewiss, aber wo der Widerspruch gelingt, geschieht Kunst.

Aber sind die Texte aus „brauchst dann gar nicht kommen“ denn Lyrik? Lesen sie sich nicht wie ein Kurzprosazyklus? Und was ist Lyrik überhaupt? Welche Kriterien können heute an diese Gattung noch angelegt werden, wo doch die Moderne alle Verbindlichkeiten hinweggefegt hat? All diese Fragen machten es der Jury des Georg-Trakl-Förderungspreises nicht leicht, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Es stellte sich allerdings heraus, dass unsere Wahl kein kleinster gemeinsamer Nenner war, sondern ein größter, denn bei der mehrmaligen Lektüre des Zyklus wurde klar, dass diese Texte Grenzen überschreiten: Grenzen zwischen Lyrik und Prosa, zwischen Erzählung und Metapher, zwischen Sagbarem und Unsagbarem. [...]

Elke Laznias Texte bürsten traditionelle lyrische Konzepte, auch experimentelle, gegen den Strich. Sie erzählen und lösen gleichermaßen die Erzäh- lung auf, sie präzisieren in bester lyrischer Manier eine Stimmung, fokussieren Augenblicke und dehnen sie in prosaische Weiten, um sie gleich darauf wieder festzumachen im sprachlichen Bild.
[...] Die beiden in ihrer Verlorenheit einander zugetanen Geschwister im Zentrum der Texte setzen unauf- dringlich Assoziationen zur Rolle der Schwester bei Georg Trakl frei, ein atmosphärisches Spiel am Rande ohne überdeutliche Kontextualisierung.
Elke Laznias Lyrik zeichnet eine reichhaltige Bildhaftigkeit aus, in der die Sprache selbst zur Metapher wird, zu einer Spur im Verschwiegenen, einer Spur in einem See von unauslotbarer Tiefe. In der wiederkehrenden Beschwörung der Schneerosen, der Blumen, die durch Schnee und Eis wachsen, konzentriert sich eine der vitalsten Auffassungen von Literatur, die bekanntermaßen Franz Kafka mit den Worten ausdrückt: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Elke Laznias Texte sind solche Äxte, auch wenn
sie etwas sanfter daherkommen, wie Schneerosen vielleicht. Aber auch die brechen durch Schnee und Eis.

Auszug aus der Laudation „Lyrische Grenzüberschreitung“ von Wolfgang Wenger zum Georg-Trakl-Förderungspreis 2016 für Elke Laznia. Die Laudatio und der Gedichtzyklus „brauchst dann gar nicht kommen“ von Elke Laznia sind in der neuen SALZ-Ausgabe Nahaufnahmen 22 nachzulesen.




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