41 | Birgit Birnbacher

„Sie hatten immer schon die Wahl“, heißt es in einem der zahllosen Zeitungskommentare, Essays und Gesellschaftsanalysen über die sogenannten ‚Millennials‘: Die vielbeschriebene ‚Generation Y‘ hat sie offenbar, die Wahl. Die heute etwa 30-Jährigen sind privilegiert, gut ausgebildet, politisch reflektiert, übermäßig selbst- und umweltbewusst und können sich auf dem Polster des schwer erarbeiteten elterlichen Reichtums Arbeit und Leben richten, wie es ihnen passt. Diese „Wahl“, die mit unendlichen Möglichkeiten und Freiheiten zur Selbstentfaltung und -optimierung lockt, ist allerdings eine schale: Leistungsdruck, Profilierungswahn, Ziellosigkeit sind die Kehrseite, „Digital Natives“ suchen nach zahlreichen Strategien, im alltäglichen Leben einen Gang zurückzuschalten und festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Diese „Wahl“ zum umfassend erfolgreichen Leben, die bloß getroffen werden muss, wird zum ‚elephant in the room‘, übermächtig, nicht zu übersehen – über ihre Kehrseite reden, möchte selbstredend niemand.

Birgit Birnbacher macht uns nicht auf den Elefanten mitten im Zimmer aufmerksam, es ist ein fliegender Wal, den man über einer Stadt eigentlich nicht übersehen kann. In ihrem Roman schwebt ein Jahr lang dieser riesige weiße Wal leicht und schwer durch den Text, eine Kunstaktion im öffentlichen Raum einer erst am Anfang stehenden jungen Künstlerin bildet eine Art Leitmotiv, eine erzählerische Leerstelle. Der Roman „Wir ohne Wal“ lässt in jedem Kapitel eine Figur zu Wort kommen, der keine Wahl mehr bleibt. In zehn Miniaturen widerfährt den Figuren Alltägliches bis Erschütterndes, die in Momentaufnahmen gezeigten Schicksale der einzelnen Figuren sind subtil miteinander verwoben. Der fliegende weiße Wal ist eine künstlerische Intervention, die nicht vergeblich bleibt, denn ihr Verschwinden ist kein Verlust – wie es am Ende des Romans heißt – „alle reden immer vom Anfangen, sagst du, aber niemand redet vom Aufhören.“ „Wir ohne Wal“ trifft ein Lebensgefühl der Haltlosigkeit und Überreizheit, dem der Roman Momente des Schwebens, des Stillstands und des Aufhörens entgegensetzt.


Birgit Birnbacher, 1985 in Schwarzach geboren, studierte Soziologie in Salzburg und arbeitete als Behindertenpädagogin. „Wir ohne Wal“ ist ihr erster Roman, erschienen 2016 im Jung und Jung Verlag, er wurde mit dem Jürgen Ponto-Preis ausgezeichnet.

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