37 | Marko Dinić

Noch ist er ein großes Geheimnis – dein Text, den du beim Bachmann-Preis 2016 in Klagenfurt lesen wirst. Dein Videoporträt beginnt bildmächtig, die Zuschauer werden unter Sirenengeheul an den Ort deiner Kindheit und Jugend versetzt, auf den in den 1990ern der Rest der Welt blickte. Dann der Schwenk von Serbien nach Salzburg, genauer in den Stadtteil Lehen im Jahr 2016. In deinen Essays und Kolumnen setzt du dich immer wieder kritisch mit deinen Wohn- und Schreiborten auseinander – ist Salzburg ein Ort, an dem sich etwas bewegt, trotz der viel beklagten barocken Kruste?

Absolut. Ich bin der Meinung, dass es so etwas wie einen kulturell statischen Ort nicht geben kann. Es kommt jedoch auch darauf an, wie sehr die Leute um einen offen für Eingriffe und Veränderungen sind. Als ich nach Salzburg kam, gab es nicht viel für die Art von Literatur bzw. hatten die Leute nicht viel übrig für die Art von Literaturlandschaft, die mich interessierte: junge zeitgenössische Lyrik beispielsweise, die vom etablierten Literaturbetrieb eher belächelt wird, da nicht marktkonform. Ich habe gemerkt, dass in der Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Menschen man sich die Stadt und deren Kulturlandschaft selbst zurechtlegen kann. Wenn man nur darauf wartet, dass etwas passiert, kann man lange warten. Die meisten Leute sind einfach zu faul, um das zu verändern, was ihnen nicht passt. Sie sudern lieber. In der nun fast fünfjährigen Arbeit des Bureau du Grand Mot haben wir es geschafft, vielen das Gegenteil zu beweisen, was nicht bedeutet, dass wir immer noch von den Etablierten als Amateure belächelt werden. Im Gegenteil. Uns beirrt das jedoch nicht in dem von uns eingeschlagenen Weg. Selbstverständlich gibt es auch das Gegenteil, die barocke Kruste, etwas, was Pasolini mal korrumpierte Kultur genannt hat. Freundschaftlergesellschaften gepaart mit der Arroganz des Kapitals. Ein riesiger Spielplatz für Leute mit viel Geld, die Kunst als Accessoire verstehen und dabei jegliches Maß und Verständnis verloren haben. Dieses Verständnis zielt auf die Kunst als etwas Universelles, etwas, das für alle Menschen da sein könnte. Dahingehend auch das Unverständnis der Kaufkräftigen gegenüber dem Arbeiter, Flüchtling oder Menschen mit Migrationshintergrund, die genauso ein Verständnis von Kunst oder Kultur an den Tag legen jedoch mit ganz eigenem Zugang, ganz eigener Herangehensweise. Das ist der Unwille, dem wir uns stellen, gegen den wir kämpfen müssen, der Unwille, dem anderen nur zuzuhören und von ihm oder ihr zu lernen. Leider ist es so, dass dieser Unwille in späterer Folge ganze Generationen zum Unvermögen dressiert. Einen Festspieltag, an dem Flüchtlinge oder Menschen aus den sozial schwachen Milieus sich kostenfrei eine Jedermann-Inszenierung anschauen dürfen, das wünsche ich mir.    


Dževad Karahasan hat in einem Interview einmal davon gesprochen, Sprache sei geistige Heimat. In deinem Videoporträt ist Heimat „das kleine Etwas, was jeder Heimat nennen möchte, das Nichtgewählte also. Wie bringst du diesen immer noch und immer wieder schwierigen Begriff in deinem Schreiben unter?

Indem ich ihn immer wieder hinterfrage, sei dies durch mein Schreiben oder meine Lektüre. Heimat hat für mich nicht wirklich etwas mit einer Nation oder einem Land zu tun. Es hat viel mehr mit Gemeinsamkeiten zu tun, die unter den Menschen als solchen bemerkbar sind. Heimat ist vielleicht die Möglichkeit einer Utopie, die sich in den Gesten der Großzügigkeit jedes und jeder einzelnen von uns widerspiegelt. Das bedeutet, dass Heimat etwas sehr Filigranes ist, das man besser nur betrachten und beschreiben sollte. Nur wenige können sie auch wirklich in die Hand nehmen und mit ihr hantieren, wenn überhaupt. Heimat braucht Distanz und Abgeklärtheit, sonst verkommt sie nur zu einem weiteren abgedroschenen Wort, dessen sich die PolitikerInnen bedienen können, ohne dabei rot zu werden.


2012 ist dein Lyrikband „namen:pfade“ (Edition Tandem) erschienen, du publizierst in zahlreichen Literaturzeitschriften. Neben deinen eigenen literarischen Arbeiten bist du Initiator und Mitglied mehrerer kollektiver Formationen, die Literatur und Kunst zusammenbringen. Ist der Austausch, die Grenzüberschreitung ein Gegengewicht zu deinem eigenen Schreiben?

Alles, was ich mache, hat etwas mit meinem Schreiben und Literatur zu tun. Im Grunde kann ich auch nichts anderes. Zum Astrophysiker wird’s wohl nicht mehr reichen bei mir. Ich würde auch die Literatur nicht so strikt von der Kunst trennen. Die Kunst ist untrennbar mit ihrem Handwerk verbunden, genauso sehe ich auch die Literatur. Wer das Handwerk nicht beherrscht bzw. keine Bereitschaft zeigt, sich mit dem Handwerk auseinanderzusetzen und auf die Fresse zu fallen, hat in der Kunst und in der Literatur nichts verloren. Leider sehen wir heute das absolute Gegenteil, den desaströsen Einfluss eines überproduzierenden Marktes, der es beispielsweise in Österreich geschafft  hat, die Lyrikszene auf Jahrzehnte zu verstümmeln, und das im Land von Ernst Jandl und Ilse Aichinger. Es ist wahrlich zum Kotzen! Gott sei Dank gibt es noch Verlage wie beispielsweise die Edition Korrespondenzen, die sich von diesen Tendenzen in Richtung Schablonenprosa nicht abschrecken lassen. Das wird jedoch die österreichischen LyrikerInnen nicht davon abhalten, nach Deutschland zu gehen und dort nach Lyrikverlagen zu suchen.

 

Und was kommt nach Klagenfurt?

Nach Klagenfurt kommt Belgrad, wo ich den zweiten Teil meines Romans fertigschreiben will. 


Marko Dinić, geboren 1988 in Wien, hat seine Kindheit in Belgrad verbracht und lebt heute in Salzburg, wo er neben seinem eigenen Schreiben an zahlreichen Kunst- und Kulturprojekten mitarbeitet (Bureau du Grand Mot, Interlab Festival etc.). Er studiert Germanistik und Jüdischen Kulturgeschichte in Salzburg. Seit seinem Lyrikband „namen:pfade“ (Edition Tandem, 2012) rege Publikationstätigkeit von Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften wie SALZ, Lichtungen, Kolik, JENNY, Lyrik von Jetzt 3.

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