36 | Andres Müry

Vierteilig ist auch jedes Plot der Erzählungen: Vier männliche „Kulturschaffende“ (ein Modefotograf, ein als „Tatort“-Kommissar reüssierender Bühnenschauspieler, ein Kulturjournalist und ein gescheiterter Schriftsteller, der in der Schweizer Botschaft in Wien gelandet ist), eine gescheiterte Liebe und ein (knapp verhinderter) Todesfall, das alles in oder auf der Reise durch Österreich. In knapper Form mischt Andres Müry die Karten in jeder Story neu, fügt die Erzählbausteine gekonnt zu beziehungsreichen Geschichten, mit dem Blick durchs Schlüsselloch hat man für einen wenigen Seiten langen Augenblick teil an längst vergessen geglaubten Liebesschicksalen. 

Wie nebenbei verhandeln die kurzen Texte die großen Fragen des Lebens und der Literatur, ohne dabei in Kitsch oder Trash abzurutschen: Liebe, Vergänglichkeit, Schicksal - doch bleiben die Protagonisten bemerkenswert ungerührt von ihren Taten und den Umständen. Der Modefotograf Volker trifft auf eine Studienkollegin, mit der ihn ein schrecklicher Unfall in ihrer gemeinsamen Jugend verbindet und mit der er eine Affäre hatte, er sucht sie nach Jahrzehnten, durch eine Zufälligkeit dazu bewegt, in ihrem Atelier auf - und zieht tatenlos davon. Die Stimmung der Stories von Andres Müry sind bei aller unterhaltsamer Prägnanz von morbider Melancholie und einem Gefühl der Vergeblichkeit geprägt, die Akteure - mit Ausnahme des gewaltbereiten Schauspielers Harry Glück - lassen geschehen und verstricken sich mehr und mehr in das eigene und fremde Fatum zufälliger Bekannter. Die ihn einholende Vergangenheit bringt den Diplomaten Max keineswegs dazu, sich seiner eben erst gefundenen Tochter als ihr Vater zu erkennen zu geben. Darin liegt der besondere Suspense der Erzählungen in „Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel“: In dem Moment, wo Taten den Fortlauf der Geschehnisse beeinflussen könnten, wenden sich der Erzähler und seine Figuren ab, das weitere Schicksal muss Leerstelle bleiben. 


Andres Müry, geboren 1948 in Basel, lebt seit 20 Jahren in Salzburg. Er arbeitete nach seinem Studium der Theaterwissenschaft und Soziologie als Dramaturg an deutschen Bühnen, Übersetzer, Kulturjournalist und Theaterkritiker und verfasste zahlreiche Texte zu den Salzburger Festspielen, u.a. den Essay „Jedermann darf nicht sterben. Geschichte eines Salzburger Kults“ (2001). „Zwei Paare ohne Sex im Waldviertel“ (weissbooks 2016) ist sein erstes Prosabuch.

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