34 | Anna Mitgutsch

Geschichte und Erinnerung an unaussprechliche historische Ereignisse bilden sich in den intimsten Schichten unserer Gesellschaft ab: In diesem Roman bleibt die Historikerin keine objektive, unnahbare Außenstehende, sondern sie ist selbst die Tochter eines möglichen Täters, die in einer unlösbar verstrickten, krisenvollen Beziehung zu ihrem Vater steht. Vor dem Beziehungsgeflecht zwischen enttäuschter, misstrauischer Tochter, zweiter, herrschsüchtiger, vormals lebenslustiger Ehefrau und der kaum Deutsch sprechenden, illegalen Pflegerin entwickelt die Autorin die Konturen großer Fragen: Kann man ein Leben nach den schrecklichen Geschehnissen des Nationalsozialismus führen, als Opfer, Täter oder Nachkomme? Wie kann man sich für immer verlorener Erinnerung stellen? Kann sich die eigene Identität nur in Abhängigeit der eigenen Vorfahren und Familie verstehen? Im Gegensatz zu den Figuren Theo, seiner Tochter Frieda, seiner Ehefrau Berta und der Pflegerin und Haushaltshilfe Ludmila liegt es nicht an der Erzählstimme, zu urteilen - die Figuren übernehmen das bereitwillig selbst, der Leser/die Leserin darf immer wieder in die Schuhe Theos oder Friedas schlüpfen und Partei ergreifen. Dass sich für Anna Mitgutsch Erinnerung und Identitätsfindung jeweils bedingen, hat sie schon in ihren zahlreichen früheren Romanen gezeigt (u.a. „In fremden Städten“ 1992, „Abschied von Jerusalem“ 1995, „Haus der Kindheit“ 2000, „Familienfest“ 2003, „Zwei Leben und ein Tag“ 2007, „Die Welt, die Rätsel bleibt“ 2013).

Für Frieda stellt sich die existenzielle Frage nach der eigenen Identität: „Sind wir alle die Kinder von Mördern?“ (400) Das Problem, das der Roman umkreist, ist das der Kommunikation, der Mitteilung existenzieller Zweifel und Anklagen: Denn eben diese Frage, wessen Kind sie sei, konnte und kann Frieda seit ihrer Jugend mit ihrem Vater nicht klären. Das Motiv der Sprachlosigkeit durchzieht den Text, misslingende Kommunikation ist körperlich bedingt nach Theos Schlaganfall oder resultiert aus der emotional belasteten Familienkonstellation: Theo, der mit seiner zweiten Frau Berta ein lang ersehntes Leben zu zweit führen kann, lässt seine achtzehnjährige Tochter Frieda ziehen, die die Ehe zu bedrohen beginnt - Neid, Missgunst, Trauer und Enttäuschung prägen die Familie. Die einzige Person, der Theo Dinge anvertrauen kann, ist die Pflegerin Ludmila - gerade weil sie kaum Deutsch spricht und vieles aus Theos Erzählungen bloß erraten kann, fühlt er sich verstanden.

Die Suche nach Erinnerungsspuren findet ihre Fortsetzung, als sich Frieda mit ihrem engen Jugendfreund Edgar in die Ukraine aufmacht, um die von Berta aus dem Haus geekelte Pflegerin Ludmila im Auftrag des verzweifelten Vaters zurückzuholen. Ganz im Sinne der vielbesungenen „sprachlichen Mitgutsch-Magie“ (Gunther Neumann, Die Presse) wird die Unternehmung eine Reise in ein Land, das ebenso vom Schweigen geprägt ist - dem Schweigen der Bewohner und der Landschaft: „Hätte ich die Landschaft anders wahrgenommen, wenn ich es nicht wüsste? Lagerte sich die Grausamkeit der Geschichte in einer Landschaft ab?“
Warten am Ende der Lebensgeschichte ihres Vaters nicht die Antworten auf die Tochter, die sie sich von ihrer Reise in die Landschaft eines Krieges erwartet hat, bleibt es in Anna Mitgutschs Roman nicht bei einer Entfremdung der Generationen - vielmehr will er eben das bieten, was sein Titel verspricht: Eine Annäherung.

Anna Mitgutsch, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Solothurner Literaturpreis und den Würdigungspreis (Staatspreis) für Literatur der Republik Österreich. Seit den siebziger Jahren arbeitet sie als Übersetzerin und publizierte zahlreiche Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. 


Anna Mitgutsch wurde im Jahr 2015 das Ehrendoktorat der Universität Salzburg verliehen. Sie wird ihren aktuellen Roman „Die Annäherung“ (Luchterhand 2015) im Rahmen des Symposiums „Versuche über das Fremdsein. Zum Werk von Anna Mitgutsch“ am 28. April in der Bibliotheksaula präsentieren.

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