33 | Johannes Witek

In deinem (leider vergriffenen) Roman „Voltaires Arschbacken“ (Chaotic Revelry Verlag, 2013) präsentierst du ein provinzielles „Sodom und Gomorrha“ (Markus Köhle, DUM), ein Crossover aus David Schalko und Thomas Bernhard: Der alternde Künstler, der wie Bernhards Protagonist Reger die gesamte Kulturgeschichte vernichtet, lebt zwar nicht in Braunschlag, auch nicht in Ohlsdorf, aber in Bad Subenzipfel. Dort findet ihn der Journalist Peternella, um das Jahrhundertdrama des alternden, grantigen Schriftstellers Peter zu entdecken und bekannt zu machen. Der Kampf mit dem Werk – ein Thema das dich interessiert?

Die Auseinandersetzung Künstler/Künstlerin – Werk ist immer spannend. Der Impuls für „Voltaires Arschbacken“ war aber eher die Figur des komplett wahnsinnigen Misanthropen selbst. Während eines relativ öden Jobs hatte ich viel Zeit und hab tagelang Interviews von berühmten KünstlerInnen gelesen. Handke, Bernhard, Jelinek usw. Dann noch eine Art Homestory über Botho Strauß, wo ihn eine Reporterin in seinem von der Außenwelt abgeschiedenen Haus in der Uckermark besucht.

Dabei ist mir aufgefallen, dass, so eigenständig und originell diese Künstler und Künstlerinnen auch in ihrer jeweiligen Kunstsparte sind, die Stilisierung der Figur des/der Künstlers/Künstlerin als „AußenseiterIn am Rande der Gesellschaft“ immer im Prinzip dieselbe war. Daraus ist wie von selbst die Idee entstanden: Was, wenn da in der Pampa einer hockt, komplett irre, und seit Jahrzehnten an einem monströsen Werk herumschraubt. Und was, wenn dann aber in derselben Pampa ein zweiter Typ hockt, der genau so irre ist?

Die logische Antwort war: die beiden müssten sich sofort hassen. Weil sie einander den Platz wegnehmen. Weniger den geografischen Platz, sondern den Platz dieser Figur des Künstlers/der Künstlerin am Rande der Gesellschaft“.

 

Markus Köhle fasste im DUM (Das ultimative Magazin) „Voltaires Arschbacken“ zusammen: „Provinz at it’s best“ – wo bist du aufgewachsen?

Inneres Salzkammergut, Baby.

 

Deine Gedichte, die auf pingeb.org nachzulesen sind, schlagen immer wieder auch ruhigere Töne an, aber auch hier geht es um den Künstler, sein Tun und Schaffen und seine Anerkennung vor dem Publikum („Leer ohne die Trompete“) und das alles ist der Vergänglichkeit ausgesetzt – sind Tragik und Komik zwei Seiten einer Medaille für Künstler?

Bestimmt. Nicht nur für Künstler, für alle Menschen.

„Leer ohne die Trompete“ hat Chet Baker als Inspiration. Wie wir alten Jazz-Freaks wissen, war Chet Baker nicht nur einer der genialsten Jazztrompeter aller Zeiten, sondern ihm wurden auch 1966 bei einem missglückten Drogendeal die Zähne ausgeschlagen. Für einen Trompeter ungefähr das Äquivalent zu einem Konzertpianisten, dem man alle Finger bricht. Danach hat er – so die Legende – als Tankwart gearbeitet während er mit einem künstlichen Gebiss das Trompetespielen wieder komplett neu lernen musste. 1988 ist er dann gestorben, durch einen Sturz aus einem Hotelfenster.

Chet Baker war einer der seltenen Menschen, bei denen sich das Gesicht immer mehr seinem Werk angeglichen hat, je älter er wurde. Irgendwann war dann alles ein Kunstwerk: Leben, Werk, Gesicht. Im Prinzip war Chet Baker ein einziges herumlaufendes Gedicht, aus meiner Perspektive.

Und das ist natürlich super für mich, weil da muss ich fast nichts mehr machen. Ich kann mich einfach zurücklehnen und sagen: Schaut hin. Dort ist die Action.

 

In dem Gedicht „Tage des Grases“ wird nicht der fliegenumschwirrte Schweinekopf verehrt, sondern das Gras, das sprichwörtlich über alles wächst und die Macht übernimmt. Die letzte Zeile lautet „Wir sind uns sicher“ – ist unsere Gesellschaft von irrationalen, aber machtvollen Vorstellungen, denen sie sich verschreibt, bedroht?

Ich glaube eher, unsere Gesellschaft wird von unserer Gesellschaft bedroht. Inhärent. Der Mensch ist des Menschen Wolf usw. Wie im „Herr der Fliegen“: Die Kinder werden am Ende vor sich selbst gerettet, von den Erwachsenen. Aber wer rettet am Ende die Erwachsenen vor sich selbst? Niemand. Der Untergang ist nahe. Es gibt kein Entkommen. Alles aus.

Nur ICH habe die Lösung: Ich kann an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber es hat mit einem goldenen UFO zu tun, das kommen und uns alle holen wird. Wenn Sie auch in das UFO möchten, meine Damen und Herren an den Bildschirmen, dann lösen Sie sich innerlich schon mal von allem irdischen Besitz und überweisen Sie  als ersten Schritt dazu bitte 500 Euro auf folgendes Konto:  

 

Johannes Witek, geboren 1981. Lebt in Salzburg. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien und „Was sie im Norden der Insel als Mond anbeten, kommt bei uns im Süden in die Sachertorte. Gedichte und Prosa“ (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2009), „Gebete an den Alligator und die Klimaanlage. Schon wieder Gedichte und Prosa (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2011), „Voltaires Arschbacken. Endlich ein Roman (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2013), „Wenn alle Sängerknaben der Welt das hohe C singen, muss ich mir in den Kopf schießen“ (Köln, Chaotic-Revelry-Verlag, 2014)

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