30 | Christine Haidegger

Nach einem ersten Gedichtband, "Entzauberte Gesichte" (Bläschke Verlag, 1976), lässt sich Christine Haidegger in diesem Roman auf eine ganz andere Subjektivität ein, die auch lyrische Töne anschlagen kann: An den Duktus von "Die größere Hoffnung" von Ilse Aichinger oder "Das Kind" von Christine Lavant anknüpfend, erschließt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegszeit in der oberösterreichischen Provinz aus der Perspektive der zu Beginn etwa zweijährigen Irene. Diese nur vordergründig naive Sicht auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände der österreichischen Nachkiegszeit verändert und entwickelt sich und lässt Leser und Leserin an dieser Entwicklung teilhaben. Umso mehr das Ich sich aus seiner kindlichen Wahrnehmung herauslöst, umso deutlicher treten die sozialen Abgründe zutage. Anfangs noch in das Unverständnis häufig mitgehörter und -gesagter, opaker Wörter verstrickt (grafisch kenntlich gemachte "KAZETTLER" etwa), wird sich die aufmerksame und kluge Irene ihrer Umwelt mehr bewusst und kann so auch die soziale Tragödie der Biografie ihrer Mutter und vieler anderer (man denkt etwa an Maria Handke in "Wunschloses Unglück") erstmals fassen: "Immer stelle ich Fragen. Mein ganzes Denken in letzter Zeit ist Fragenstellen - aber vieles kann ich mir nicht beantworten, oder doch nicht so, daß ich ehrlich zufrieden damit wäre. Warum müssen es Menschen wie meine Mutter so schwer haben, frage ich oft. Was haben sie getan, daß sie so leben wie sie leben und nicht leichter und besser? Was zwingt Mama, so hart zu arbeiten und nicht einfach den leichteren Weg zu wählen und zu heiraten?" (S. 155) Eine von Gewalt und Verdrängung geprägte Frauenbiographie, die Erfahrungen eines Kindes der Nachkriegsgeneration - Christine Haidegger rührt mit feinem Sensorium für soziale Prozesse und deren sprachliche Verfestigung an heikle Themen der österreichischen und ihrer eigenen Geschichte.

Christine Haidegger, 1942 in Dortmund geboren und in Oberösterreich aufgewachsen, ist ein Fixpunkt in der Salzburger Literaturszene seit den frühen 1970er Jahren. Sie gründete die Autorengruppe "Projekt-IL" und eine gleichnamige Literaturzeitschrift, in der etwa Ludwig Laher, Erwin Einzinger oder Rudolf Habringer publizierten. Heute leitet sie die "Grazer Autorinnen Autorenversammlung - Salzburg" mit Sitz im Literaturhaus Salzburg. Ihr Debütroman "Zum Fenster hinaus" (Rowohlt, 1979) wurde ein Publikumserfolg. Neben Gedichtenbänden entstanden Texte inspiriert von zahlreichen Amerika-Aufenthalten, so etwa "Cajuns, Cola, Cadillac. American Sightseeing" (Milena Verlag, 1997). Derzeit arbeitet Christine Haidegger an einem neuen Lyrikband.

Christine Haidegger wird am Sonntag, den 28.2.2016 um 11 Uhr im Literaturhaus Salzburg ihren Roman präsentieren.


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